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Er dachte wohl noch mehr als
sonst. Egal, alles egal. Nichts egal.
"Sie kann raus und ich nicht", sagte er später
am Fenster stehend.
"Wer?" fragte sein Bettnachbar, der Hubert
hieß.
"Sie. - Aber ich will sie nicht verlieren."
"Wen?"
"Na, sie. - Vielleicht bin ich ein zu großer
Optimist?"
"Was quatscht du n da. Ich versteh kein
Wort."
"Macht nix. Mich versteht eh keiner!"
"Den Eindruck hab ich auch."
Sein kleiner, intimer Funken Hoffnung entsprang seiner
Liebe zu ihr, die ihm die Liebe zu sich selbst erst sinnvoll erscheinen ließ.
In Gedanken konnte er nicht glücklich leben und nicht traurig sterben. Er konnte
nur traurig leben und glücklich sterben.
"Ich bin ein Mensch zwischen 1000 Menschen. Ich
denke und fühle, ich verstehe und kann akzeptieren. Vieles verstehe ich nicht,
und manches will ich nicht akzeptieren."
"Was redest du denn nun schon wieder?" erkundigte
sich Hubert halb genervt, halb neugierig.
"Ich hätte nie geglaubt, dass die Liebe in
der Lage ist, mich so gefangenzunehmen. Die macht mich depressiv, und im nächsten
Moment bringt sie mich zum Lachen. Vielleicht, um alles zu überspielen?"
"Über die Liebe darfst du gar nicht so viel
nachdenken. Das bereitet nur Sorgen. Genieß einfach das Leben."
"Ich weiß nicht. Die Tage sind gegen mich.
Die Nächte auch. Die ganze Zeit ist gegen mich."
"Ach was! Du selbst bist gegen dich, das ist alles."
"Ich könnte aus dem Fenster springen und
in den Stadtpark laufen. Ich könnte versuchen, Enten zu fangen. Würde doch
keine erwischen."
"Son Blödsinn!"
"Bei der Geburt beginnt das Leben, die Qualen
setzen ein. Das ist doch schon das Ende. Beim Tod endet das Leben wieder, die Qualen
sind vorbei. Doch dann beginnt das Leben nach dem Tod. Endergebnis: Plus minus null.
Man hat also nie gelebt und ist nie gestorben. Wozu soll das gut sein?"
"Hör auf zu denken!"
Er dachte daran, mit dem Denken aufzuhören. Aber
das klappte nicht.
"Sie war bestimmt gestern in der Badeanstalt.
Ihr Gesicht glänzte. Ihre Beine enden irgendwo im Niemandsland. Unerreichbar.
Und ich sitz hier völlig unbeabsichtigt zwischen zwei Skatspielern!"
"Es gibt Schlimmeres, mein Junge."
"Ja, Alter. Es gibt immer Schlimmeres. Sieh dir
den blauen Himmel an, leuchtend blau. Aber wo ist der Lichtblick? Neben der Tür
hängt ein Kreuz mit 'ner Leiche und macht die Stimmung nur noch beschissener."
"Für manche ist er ein Lichtblick."
"Ob ich ihm ne Flasche an den Kopf werfe
oder ihm einen Spiegel vor die Nase halte, damit er weiß, wie er aussieht?"
"Also, das ist doch ...!" fuhr Opa Hagelmann
plötzlich hoch.
"Ich weiß", sagte André. "Das
ist doch sinnlos. Er kann nicht lachen."
"Läster du nur", empörte sich dieser
großmütig. "Irgendwann werden dir die Augen schon aufgehen."
"Nichts dagegen einzuwenden, wenn sich der Blick
lohnt."
Opa drehte sich um und murmelte etwas von respektloser
Jugend. André fand dieses Kreuz mit dem unechten Jesus an der Wand einfach völlig
deplaziert. Er stellte sich ganz nah vor die kleine, festgenagelte Figur und sagte:
"Hallo Leidenspartner!"
In der folgenden Nacht schnarchte Opa unerträglich.
André brachte das um den gesamten Schlaf, Hubert ebenfalls.
"Soll ich ihm die Nase zudrücken?"
"Nee, lass den alten Mann mal schlafen",
flüsterte sein Kollege.
"Okay! Ich bin sowieso zu faul aufzustehen."
Danach hielten beide bis zum Frühstück Wache,
obwohl sie nicht wussten für wen, denn Überfälle erwarteten sie keine.
"Du siehst ziemlich müde aus", stellte
Opa morgens über seine Kaffeetasse hinweg fest.
André glotzte ihn schweigend an, was dieser
als Unhöflichkeit interpretierte. Die weiteren Stunden saß er im Bett und
schrieb. Das Radio von Hubert lief ständig. Verließ er den Raum, schlich
Opa sich hin und stellte es ab. Am dritten Tag hatten sie sich endlich in der Wolle.
"Kann man ja nicht aushalten, das Gedudel den
ganzen Tag!" beschwerte sich der alte Hagelmann.
"Du hörst doch sowieso schlecht", lautete
die Antwort.
"Aber ich hör es, das Gedudel. Dieser ständige
Geräuschpegel ist zum Wahnsinnigwerden!"
"Radiohören ist die einzige Abwechslung.
Wenn wir schon kein Skat spielen können!"
Ein kapitulierendes Brummen war zu vernehmen. Trotzdem
stellte der andere das Radio ein bisschen leiser. André wollte jetzt auch mal
was sagen, schlurfte zum Fenster und schaute zum Park hinaus.
"Menschen, ich sehe Menschen, leicht bekleidet.
Ich höre viele Stimmen, das Geschrei aus dem Freibad."
"Na und!?" bemerkte Hubert gelangweilt.
"Ich war noch nicht schwimmen in diesem Jahr.
Ich geh nämlich nur bei unerträglicher Hitze ins Wasser. Am liebsten aber
wäre mir ein See mit heißen Quellen, eine Badewanne unterm Vollmondhimmel."
"Mein Gott, du hast Wünsche!"
"Natürlich hab ich Wünsche. Ich wünsche
mir Sex mit ihr auf einer Kuhweide. Und ich wünsche mir, ein Buch zu schreiben."
"Sex kannste auch mit 'ner andern haben. Und sei
nicht so wählerisch, 'ne Pferdewiese tut's genauso. Und wenn du ein Buch schreiben
willst, warum machst du es dann nicht?"
"Ich krieg das noch nicht hin. So'n Buch hat einfach
zu viele Seiten."
"Ja, meine Herren! Wenn du zu blöd bist,
ein Buch zu schreiben, warum willst du dann überhaupt eins schreiben?"
"Damit ich schlauer werde. Ist doch logisch."
"Also, ich versteh dich nicht."
"Das Problem kenn ich", bestätigte André,
setzte sich aufs Bett und wartete.
Nach zehn Minuten fragte er: "Wo bleibt das Abendessen?"
"Wir haben gerade erst das Mittagessen auf",
antwortete Hubert.
"Das ist mir doch egal. So'n Abendessen kann ruhig
mal unpünktlich kommen."
"Du bist bescheuert."
"Schon möglich. Aber ein kleiner Besuch wäre
doch nicht zu viel verlangt."
"Auch ein Besuch kann unpünktlich sein."
"Was soll ich ihm bloß erzählen, dem
Besuch?"
"Kommt doch darauf an, wer es ist."
"Kommt darauf an, was mir einfällt."
Er wartete den ganzen Nachmittag. Niemand besuchte
ihn.
"Siehste!" prahlte Hubert, als das Abendessen
kam. "Deine ganzen Besuchsgedanken war'n für die Katz. Aber du hörst
ja nicht auf mich."
"Stimmt! Ich hör immer nur mich. - Kann ich
noch was nachbestellen?"
"Jetzt schon?" fragte die Schwester. "Sie
haben doch noch gar nicht angefangen."
"Ach, das macht nichts! Ich bin mir da absolut
sicher."
"Na gut."
"Dann bringen Sie mir bitte eine Schwester."
"Wozu?"
"Als Nachtisch."
"Hier wird nicht genascht. Hier wird gesundet."
André predigte: "Oh, hör mich an,
holde Schwester. Wenn eine kranke Seele in einem kranken Körper wohnt, dann brauchen
beide Nahrung für ein neues Leben. Gib deinen schlanken Körper zu meinem
kranken Körper, lass uns ein Feuer entfachen und sommerliches Glück für
eine halbe Stunde zur Wirklichkeit verzaubern. Ich sage dir, du wirst es nicht bereuen."
"Nehmen Sie lieber Ihre Beruhigungstabletten",
bemerkte die Schwester grinsend.
"Wozu?" fragte er. "Ich bin die Ruhe
selbst."
"Weil ich es sage!" sprach sie. "Und
morgen dürfen Sie nach Hause."
"Tja", warf er zu seinem Nachbarn hinüber,
"die wissen doch nicht, was sie mit mir machen sollen. Dabei gefällt mir
die Krankenhausatmosphäre eigentlich, weil die Menschen glauben, aus einem sinnvollen
Grund hier zu sein. Die glauben auch jeden Scheiß!"
So war der Tag vorübergeflogen und hinterließ
eine traurige Sehnsucht. Wie lange noch würde er die ertragen müssen? Er
saß da und hoffte auf ein Wunder. Aber das Wunder kam nicht. Vielleicht suchte
es nach ihm und konnte ihn nicht finden?
"Man müsste ein Leuchtturm sein, der nachts
weit auf das Meer hinausblinkt. Dann würden alle guten Seelen, die einen sicheren
Hafen bräuchten, ganz von selbst auf mich zufahren. Und es gäbe immer frischen
Wind mit viel Sauerstoff für die Lungen und das Gehirn. Der putzt die Gedanken
sauber und klärt den Blick. Das wär ne geile Sache."
Hubert verkniff sich einen Kommentar. Er hatte dazugelernt.
Auch die Nacht flog vorüber. Es war fünf
Uhr morgens. Heute mussten die Fäden gezogen werden. André trank Malzbier.
Draußen vorm Gebäude sah er Enten, Teichhühner und Amseln. Es war schon
lange hell. Die Viecher warteten aufs Frühstück der Patienten.
"Warum hat die Angst solche Macht?"
"Lass mich bloß schlafen!" brummte
der nicht schlafende Hubert.
Immer und immer wieder stellte André sich diese
Frage. Er wusste keine Antwort. Trotz seiner manchmal vorlauten Art fühlte er
sich alleingelassen mit seinen Gedanken. Sehr wahrscheinlich lag das an der Methode
des Denkens, die war irgendwie anders. Deshalb schrieb er auf, was er dachte. Irgendwann
würde das jemand lesen und begreifen, vielleicht in ferner Zukunft. Vielleicht
erst, wenn er tot war? Das wär nicht nett, denn schließlich hatte er jetzt
schon unendlich viel zu sagen. Gleichzeitig erfasste ihn aber eine monströse Angst
davor, nicht verstanden zu werden. Zu Lebzeiten. Dann wäre seine ganze Existenz
sinnlos gewesen. André reichte Hubert zum Abschied einen Zettel. Auf dem stand:
Ich will Glück!
"Das wollen wir alle", war Huberts letzter
Kommentar.
Sira
Für André war Glück eine Hoffnung
zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Zu selten erlebte er, dass Wunsch und Wirklichkeit
zueinander fanden. Dadurch verblasste die Hoffnung bis zur Unkenntlichkeit. Es war
die Hölle. Die erste sterbende Liebe einer Frau ließ ihn sogar daran zweifeln,
dass die Erde rund ist. Verzweifelt hüpfte er durch die Küche und hielt seiner
Mutter einen Vortrag: "Und ich sage dir, hinterm Horizont geht's nicht mehr weiter.
Wie soll ich mich bloß damit abfinden? Manchmal verfluche ich den Tag meiner
Geburt und das Land, in dem ich lebe. Irgendwie haben wir uns ineinander verbissen,
dieser Staat und ich. Ich bekomme keinen Orden. Ich will auch keinen. Aber manch anderer
ist sehr ausgezeichnet ausgezeichnet und stolz darauf, mit Wimpeln und Wappen, Pokalen
und Sternchen bestochen worden zu sein. In Glanz und Gloria schwelgen die Neurosen,
und jedes Lächeln schubst eine neue Leiche ins Grab. Schlips und Kragen, Hände
schütteln und grinsen. Freundlicher Hass reicht der hässlichen Freude die
Pranke. Und das Volk jubelt, das blöde. Für jede Patrone endet ein Leben.
Es gibt weniger Menschen als Patronen. Bleiben also welche übrig. Der Papst denkt
mit. Keine Abtreibung - mehr Menschen, keine Pille - mehr Menschen, keine Kondome -
mehr Menschen, die Munition kann verbraucht werden. Viele Tote, viele Engel, die den
Menschen helfen dürfen. Die Menschen jedoch sind ausgestorben. Wozu braucht die
Welt dann Engel? Überflüssige Engel müssen erschossen werden. Womit
erschießt man Engel? Mit Patronen. Die aber sind alle verbraucht. Und wer erschießt
Engel? Na, sie selbst. Sie werden also wieder zu Menschen gemacht und auf die Erde
geschickt, um Patronen zu produzieren. Was hat sich geändert? Nichts hat sich
geändert. Und ich weiß auch nicht, wie ichs machen soll!"
"André, du redest wirres Zeug. Das ist
die Trauer. Du musst versuchen, sie zu vergessen."
"Ach, Mütterchen, ich vergess grundsätzlich
nur unwichtige Dinge."
"Das Leben geht trotzdem weiter. Und glaub mir,
du kommst schon darüber hinweg."
"Natürlich, ich bin ja sportlich", antwortete
er und sprang elegant darüber hinweg.
Er saß nun am Wohnzimmerfenster und schaute an
der mächtigen Eiche vorbei über das Roggenfeld hinter der Straße bis
zu seinem Lieblingswald. Es war Sonntag. Für ihn war jeder Tag Sonntag. Die Glocken
läuteten, bevor der Gottesdienst im nahegelegenen Kloster begann. Sie läuteten
auch am Ende. Manchmal sogar zwischendurch, wenn jemand besoffen am Seil zupfte oder
sich jemand an dem Strick erhängte. Das geschah aber nur in seiner Phantasie.
Er suchte immer nach neuen Erklärungen für das Gebimmel.
"Da fahren sie wieder", sagte er zu seiner
Mutter. "Sie werfen Unmengen von Geld in die Teller am Kircheneingang, und die
Patres kaufen sich davon Schnaps und Zigarren."
"Red nicht solche Dinge."
"Wieso nicht? Vielleicht stimmts ja!?"
"Ach, das ist doch Quatsch."
Er hatte wieder so ne bescheuerte Pille geschluckt,
die machte ihn total fertig.
"Ich könnte im Stehen einschlafen, aber ich
will nicht, will einfach nicht."
Er dachte immer an sie und wartete auf das Wunder.
"Mit beiden Augen seh ich alles doppelt. Muss
ich wohl eins zumachen. Du mieses Valium. Wenn ich dich wirklich wollen würde,
dann gings mir gut. Ich will dich aber nicht!"
Dafür wollte das Valium ihn. Er saß da und
sagte: "Grunz, ich bin ein Schwein."
Nachdem die Gottesdiener dem Gottesdienst gedient hatten,
ging er hinaus. Gleich würden all die Autos von vorhin wieder vorbeifahren. Da
packte ihn eine bestimmte Lust, und er setzte sich mitten auf die Straße. Rechts
und links neben sich legte er zwei Baumstümpfe.
"Kann keiner vorbei. Endlich kann mal keiner an
mir vorbei."
Die Blechkarawane rollte an. Sie hupte schon in 50
Meter Entfernung. Er musste lachen. Der erste Wagen hielt vor ihm, hupte wieder, hinter
ihm sammelten sich die anderen. Der Fahrer drehte die Scheibe runter.
"Bist du lebensmüde? Geh von der Straße!"
schrie er.
André lachte.
"Was soll denn der Blödsinn? Du hältst
ja den ganzen Verkehr auf!"
André lachte.
"Hör mal zu, ich lass mich von dir nicht
verarschen."
André lachte.
Er stieg aus, der Fahrer des Wagens hinter ihm auch.
Sie kamen auf ihn zu, bauten sich vor ihm auf.
"Entweder du gehst freiwillig, oder wir helfen
nach!" drohte der eine.
André lachte.
Sie sahen sich an, dann fassten sie ihn an den Armen
und schleiften ihn an den Straßenrand. André lachte. Einer zeigte ihm
nen Vogel, beide gingen zurück zum Auto. Sie starteten, Gang rein, er saß
wieder auf der Straße. Jetzt debattierten beide aufgeregt mit ihren Insassen.
Der Fahrer stieg abermals aus, sein Beifahrer auch. Ein etwa 18jähriger Typ. Schwarze
Hose, Anzugjacke, Schlips, grün-weiß kariert.
André lachte.
Der Junge schrie ihn an, reichlich energisch.
Wenn du nicht gleich die Straße räumst,
lernst du mich kennen!"
André lachte.
Er trat ihm in die Nieren, es schmerzte. André
stand auf, sah ihn an und sprach: "Du bist ein wahrer Christ."
"Lange Haare, rumgammeln und uns auf die Nerven
gehen, das kannste, mehr nicht."
Lächelnd drehte André sich um und ging
zurück ins Haus. Prügeleien mochte er nicht. Was aber trieb ihn zu solch
absurden Handlungen? Wenn er sich selbst für einen friedlichen Menschen hielt,
warum provozierte er dann?
Er telefonierte.
"Auskunft, Platz zwölf, guten Tag",
erklang eine Frauenstimme.
"Ja, hallo, ich bins. Ich habe eine Frage.
Von wem bekomme ich die Antwort?"
"Wie bitte?" tönte es aus dem Hörer.
"Also, was machen Sie, wenn Sie eine Frage haben
und niemand Ihnen die Antwort gibt?"
"Nichts!"
"Und Sie können einfach so mit nichts leben?"
"Ja, kann ich."
Das Gespräch wurde unterbrochen.
"Man sollte nicht auf Antworten verzichten. Die
kann mir doch erzählen, was sie will. Und wenn keine Antworten existieren, dann
nur deshalb, weil es noch keine Fragen dazu gibt. Ich erfinde eben welche. Und sobald
ich genug erfunden habe, werd ich das ganze sortieren. Da passt schon irgendwas zusammen."
In Wirklichkeit konnte er dem Problem so nicht beikommen.
Auch wenn er sich das Leben als Puzzle vorstellte, das nur richtig zusammengefügt
werden musste, damit es friedlich und gerecht zuging, wurde er nicht automatisch Herr
über die eigene Zerrissenheit. Er wollte alle Gegensätze in sich in Einklang
bringen, aber noch lieber wollte er die ganze Welt zur Harmonie führen. Das war
unmöglich. Immer wieder gab es deshalb Tage, die ihn zu ersticken drohten. Er
fand es grauenhaft, weil er wusste, dass seine Energie ohne Luft in wenigen Minuten
erlöschen würde. Denn erst durch den Atem nahm der Mensch teil am Leben.
Tat er es auch durch seine Handlungen?
Als sich draußen der christliche Konvoi verflüchtigt
hatte, fragte er sich laut: "Ob die jetzt über mich nachdenken? - Oder über
sich? - Ich würde mich auf der Stelle umbringen, wenn sie dadurch glücklich
wären."
Er brachte sich nicht um, weil sie es nicht einmal
bemerkt hätten und weil er vom Glück selber noch ein Stückchen abhaben
wollte.
"Mütterchen, was ist eigentlich Glück?"
"Sechs Richtige im Lotto, das ist Glück!"
"Diese Antwort hatte ich erwartet. Aber das ist
mir viel zu einfach. Ich meine, wie kommt so'n Glück denn überhaupt zustande?
Es braucht doch sicherlich Voraussetzungen? Oder ist es unabhängig? Und warum
kenn ich es nur für Momente? Und warum macht es mich manchmal traurig?"
"Weil du zu viel darüber nachdenkst."
"Auch diese Antwort hatte ich erwartet. Aber das
glaub ich ganz bestimmt nicht. Ich kann mir schon eher vorstellen, traurig zu werden,
weil diese glücklichen Momente erschreckend kurz sind und dann oft auch noch zwischen
einem Beginn und einem Abschied auftauchen. Und nie weiß ich, wer zuerst da war,
der Abschied oder der Beginn. Sicher ist nur, dass der Abschied länger bei mir
bleibt. Er benötigt mehr Zeit als der Anfang. Mehr Zeit zum Grübeln."
"Ach, Junge, das Leben wird angenehmer, wenn du
weniger grübelst."
"Wer sagt dir denn, dass solche Annehmlichkeiten
das Leben sind? Nach meiner Schlussfolgerung muss ich noch mehr grübeln. Die Fragen
sind doch viel zu kompliziert, um die Antworten einfach so wissen zu können."
So saß er wieder am Wohnzimmerfenster und dachte
sich einsam. Ein Sonnenstrahl berührte sein Gesicht. Und sofort regte sich ein
sanftes und zwiespältiges Gefühl. War das solch ein Augenblick zwischen Anfang
und Ende? |