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IAndré packte ein paar
Sachen in seine Schultertasche und radelte in die Gronauer Badeanstalt. Dort lag er
beobachtend im Schatten, ließ seine Gedanken hüpfen, kriechen und fliegen,
las in einem Buch und schrieb für ihn wichtige Gedanken auf mitgebrachte Zettel.
Drei Mädchen blieben neben ihm stehen. Sie mochten vielleicht vierzehn Jahre alt
sein, starrten auf sein langes Haar und fragten: "Sind die Haare echt?"
"Die Haare sind echt, aber
ich bin falsch."
"Du bist wohl eigentlich
ne Frau, was?"
"Woran erkennst du das?"
"An den Haaren", kicherten
sie. "Aber verheiratet biste nich."
"Nö."
"Willste auch bestimmt nicht."
"Nö. - Das heißt,
bei euch Dreien könnt' ich schwach werden."
"Gleich drei auf einmal,
das schwächt ja auch ganz schön."
"Ich bin stark wie ein Bär,
ihr Süßen. Wenn jede von euch ein Drittel meines Körpers bekommt, dann
hat sie damit mehr als genug. Welches Drittel möchtest du denn?"
"Ich? Äh, ich weiß
nicht."
"Du weißt nicht, welches
Drittel du willst! Eine Frau wie du, jung, hübsch und voll im Wachstum, die schnappt
sich natürlich sofort den besten Teil des Mannes, wenn sie weiß, wo der
sitzt. - Und du, möchtest du meinen Hintern?"
"Wieso ausgerechnet deinen
Hintern?"
"Nein! Das hättest
du nicht tun sollen. Welch eine Frage! So ein Hintern ist der Wahnsinn. Ihr verschenkt
Chance um Chance. Jetzt ruht all meine Hoffnung auf dir, du Dritte eines Drittels.
Ich geb dir meine Hände. Sie werden dich warm und sanft liebkosen wie der Sommerwind.
Sie werden an deinen Brüsten zerren und zurren wie der Sturm am Getäu eines
Dreimasters. Ich ergreife dich, du Frau aller Frauen!"
Er warf sich ihr entgegen. Sie
schrie. Alle drei wichen einen Schritt zurück.
"Was habt ihr?" fragte
er erstaunt. "Ich bin doch gar kein Mann. Ich bin eine von euch."
Sie schwiegen verwirrt und eingeschüchtert
und guckten sich blöde an. Nein, sie glotzten fragend, anscheinend dachten sie.
Sie gingen denkend, wahrscheinlich fragten sie. Sie kamen nicht zurück. Vielleicht
hatten sie sich in ihren Gedanken verirrt?
"Ein Weg ohne Wiederkehr.
Den hätte ich hier nicht erwartet. Ist doch total egal, ob ich ein Mann oder eine
Frau bin. Zur Zeit bin ich sowieso nur Mensch. Es reicht mir völlig."
Überall tauchte ihr Bild
auf. Was er auch tat, sie erschien in seinen Gedanken und lenkte die inneren Blicke
auf sich, entführte seine Hoffnung in die Hoffnungslosigkeit.
"Das raubt mir restlos meine
Konzentration, weshalb ich das Gefühl habe, immer wieder von vorne anzufangen
und mich ständig zu wiederholen. Vielleicht sind es aber nur die Medikamente.
Ich glaube, diese elenden Tabletten verursachen Gedächtnisschwund."
In seinem Kopf drehte sich alles.
Alles drehte sich um sie, sie allein. Es blieb kein Platz für andere. Zwar hatte
er Angst, dass sie aus ihm verschwinden würde, aber viel schlimmer war seine Furcht
davor, sie niemals loszuwerden. Seine Liebe zu ihr wäre dann ewig, für immer
unerfüllt eingesperrt in ihm selbst, seinem eigenen, ganz privaten Gefängnis.
Einige Meter neben ihm lag ein
Liebespaar und schmuste in den Tag. André schaute sehnsüchtig hinüber,
fühlte den einsamen Schmerz des Verzichten-Müssens. Er warf sich auf den
Rücken und blinzelte in den Himmel.
"Es ist doch völlig
egal, was geschieht", flüsterte er. "Alles hat seinen Grund."
Aber worin lag der Sinn seines
Lebens, und wem gab sein Leben einen Sinn? Ihm kamen Zweifel an seiner Existenzberechtigung.
"Nichts geschieht ohne Grund",
flüsterte er wieder. "Nichts geschieht ohne Grund. - Und trotzdem! Nicht
alle Geschehnisse rechtfertigen die Gründe."
Er sprang entschlossen auf und
schritt gestikulierend zum Liebespaar hinüber. Die beiden sahen ihn fragend an,
als er neben ihnen niederkniete.
"Stell dir vor", sagte
er zu dem jungen Mann, "dass du gerade geboren wirst. Du zwängst dich durch
die Scheide mit deinem dicken Schädel und erblickst den Arzt. Willst du da nicht
am liebsten zurück?"
"Spinnst du?"
"Schon möglich. Aber
stell dir vor, deine Mutter sagt dir ins blutverschmierte Gesicht: Was, bloß
ein Junge! Ich wollte ein Mädchen, die sind wertvoller. Jungen machen ständig
Ärger und haben nichts anderes im Kopf als Saufen und Bumsen. Möchtest du
so eine Mutter?"
"Lass mich doch in Ruhe
mit dem Mist!"
"Du musst der Wahrheit in
die Augen sehen. Du kannst sie nicht ständig ignorieren und verschweigen. Hast
du deiner Freundin erzählt, was du für einer bist? Weiß sie, dass Männer
Schweine sind und weißt du, dass sie es ahnt, dass du nicht weißt, was
sie von sich selbst nicht wissen will, und dass ihr euch so vielleicht niemals gegenseitig
wirklich begegnen werdet?"
"Verpiss dich! Aber schnell."
"Mach ich."
Er packte seine Sachen in die
Schultertasche und verließ die Badeanstalt.
"Niemand hat mich abgetrieben,
als ich ein Fötus war. Jetzt, da ich groß bin, werde ich jeden Tag weiter
abgetrieben. Wie schwimmt man bloß gegen den Strom? - Na, mit einem Motorboot.
Ach, Scheiße, das ist überhaupt nicht witzig!"
Nicht die Schwäche hielt
André davon ab, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Es war die Ratlosigkeit.
Sie waren so eng miteinander verknüpft, die glücklose Liebe voller Hoffnung
und das verunglückte Leben voller Hoffnung. Seine Hoffnung siechte seit Wochen
dahin. Spät in der Nacht, als die Sonne schon fast zwei Stunden hinter seinem
Lieblingswald am holländischen Horizont verschwunden war, kam er nach Hause. Dort
besiegelte ein langer Brief voller Abschied das Ende der Hoffnung. Der Tod lag im Briefkasten
und trug als Absender den Namen seiner Liebe. Ihm kroch ein schreckliches Gefühl
unter die Haut. Und während er las, grub sich ein unbekannter Schmerz in seinem
Bauch eine Höhle. Sie hatte sich endgültig von ihm losgesagt. Handschriftlich.
Ihren Trost legte sie gleich dazu, ihr letztes Geschenk, eine LP von Pink Floyd mit
dem Titel "I wish you were here". André glaubte nicht, was er sah
und sah wieder einmal nicht das, was er glaubte.
"I wish you were here!"
schimpfte er. "I wish you were here. - Wie kann man nur so undiplomatisch sein!"
Er rannte hinaus, an den Wäldern
entlang und schrie in pausenloser Wut aufgebracht herum, um der Trauer keine Chance
zu geben.
"Ich bin tot, ich bin tot!
Warum bringt denn keiner meinen Körper um? Diesen mistigen, sinnlosen Körper,
der meiner Seele Unterschlupf gewährt. Wenn mein Gehirn eine Ladung Speichel wäre,
würde ich es in den Dreck spucken."
Dicht neben ihm im Gebüsch
leuchteten zwei grüne Diamanten. Er war viel zu unbeherrscht, um sich auch noch
zu erschrecken.
"Bist du der Tod?"
rief er. "Du starrst mich so gespenstisch an. Willst du mein Leben geschenkt haben
oder willst du darum kämpfen?"
"Ich bin nicht der Tod",
klang es aus dem Gebüsch. "Ich bin Sira."
"Ach, Sira, du kommst echt
ungelegen."
"Ich war schon hier. Du
bist gekommen. Weshalb gehst du nachts durch den Wald? Es ist die Zeit der Katzen und
Eulen. Und warum bist du so nervös, du mit den ruhigen Augen?"
"Das kann eine Katze nicht
verstehen. Meine Augen sind kraftlos, ich bin kraftlos, nur mein Herz schlägt
noch in wilder Liebe zu einer Frau. Aber die hat sich gerade von mir getrennt. Und
jetzt fühl ich mich beschissen."
"Ich habe mich schon von
vielen Männern getrennt. Und danach ging's mir immer gut."
"Du bist eben kein Mensch."
"Wie gut für mich.
Ich wäre ein schlechter Mensch. Ich denke nicht groß genug, ich fühle
nicht groß genug. Bei mir ist alles kleiner, auch die Dummheit."
"Mich plagt nicht nur die
Dummheit, mich plagt ebenso die Klugheit. Der Dumme hat Probleme, ohne es zu wissen,
und der Kluge besorgt sie sich, indem er auf die Probleme der Dummen aufmerksam macht.
Es gibt weder für die Dummen noch für die Klugen einen Ausweg. Alle steuern
sie unhaltbar auf ihr Grab zu. Dieses finstere Loch ist anscheinend absolut alternativlos."
"Das klingt nach Kummer."
"Das ist Liebeskummer."
"Liebeskummer gibt es nicht."
"Natürlich gibt es
den."
"Nein. Du meinst Trauerkummer.
Du hast Kummer aus Trauer, nicht Kummer aus Liebe."
"Ich denke, Katzen denken
nicht so groß wie Menschen. Warum philosophierst du dann rum und hältst
mir Vorträge? Ich weiß selber, was los ist. Ich bin wütend und nicht
traurig."
"Nenn es wie du willst.
Auf jeden Fall bist du verletzt. Und wer verletzt ist, hat Trauerkummer."
"Ich bin nicht traurig!"
schrie André. "Und jetzt hau endlich ab!"
"Ich war vor dir hier. Hau
du doch ab. Du hast mir sowieso alle Mäuse verjagt mit deiner Trauer. Aber ich
bin nicht wütend, keine Angst."
Er beugte sich zu Sira hinab
und sagte: "Lass mich heute bitte in Ruhe. Du bist mir viel zu gnadenlos."
"Ich mag dich eben. Und
nun geh schon, du heulst ja. Das kann ich nicht gut sehen."
Plötzlich flossen ihm die
Tränen über das Gesicht. Er spürte, wie sie auf sein Hemd tropften,
sah zum Himmel hinauf. Klar, ein paar Sterne. Er wünschte sich einen riesigen
Wasserfall, der sich über ihn ergoss, alles Schlechte von ihm spülte und
ihn wieder mit Leben füllte. Leise sagte er ihren Namen, während er durch
das Gras am Wegrand stapfte. Eine Stunde streifte er so umher. Nun stand er am Ende
des Klosterwaldes vorm Grenzzaun und redete wieder. "Mein Kopf ist leer und einsam.
Ich bin ein einsamer Hohlkopf. Diese Erkenntnis hatte ich befürchtet. Nur der
Wind ist bei mir und trocknet meine Tränen. Es waren die letzten, denn ich bin
nun auch noch eine ausgedorrte Wüste. Ach Joe, du lebst irgendwo da hinten in
einem anderen Land und weißt nichts von meinem Leid. Vielleicht geht es dir heute
Abend gerade gut. Und wer tröstet mich? Wer hilft mir aus diesem ekelhaften, tiefen,
morastigen Scheiß-Sumpf? Joe, wer hilft mir!?"
Joe war Koch im holländischen
Enschede und Andrés bester Freund. Er schnitt Gurkenscheiben mit der Geschwindigkeit
eines Rasenmähers, und ebenso schnell dichtete er. Zudem besaß er die körperliche
Gestalt eines Grizzli-Bären und die Stimme eines röhrenden Hirsches. Die
war auf fünf Kilometer unüberhörbar. Auf fünf Meter entfachte sie
einen Orkan. Sie hatten sich vor drei Jahren in einer Diskothek kennengelernt, als
Joe den ersten Tag in Freiheit voller Übermut einen wilden Tanz mit anschließendem
Striptease aufführte. Zwölf Monate hatte er wegen eines Einbruch-Deliktes
in einem deutschen Gefängnis gesessen. Er war vier Jahre älter als André
und besaß eine völlig unbekümmerte Art, auf Menschen zuzugehen. Dadurch
hielten ihn viele für einen oberflächlichen, witzigen Typen, dem sie keine
Tiefen zutrauten. Damals in der Diskothek drückte er vor Freude wahllos jeden
kräftig an seine Bärenbrust, auch André befand sich unter den glücklichen
Opfern und lächelte verständnisvoll in die blitzenden Augen. Sie blickten
beide weit in den anderen hinein, stumm und regungslos. Dann legte Joe seine Pranken
auf Andrés Schultern und fragte: "Freunde für immer?" André
nickte, und Joe wirbelte jauchzend davon, um sich neue Schmuseopfer zu suchen. Von
diesem Tag an waren sie Freunde. In ihren Gesprächen gab es keine Tabus, in ihrer
Lebensweise auch nicht. Beide besaßen eine sensible Verbundenheit zur Natur,
und wenn die Mystik und Romantik sie packte, dann hockten sie nachts zwischen den Kühen
auf der Wiese und heulten den Vollmond an. Sie liebten die Literatur, manchmal maßlos,
und sie liebten sich, meistens hemmungslos, und sie liebten es ebenso, gemeinsam voll
freundschaftlicher Zwietracht mit einer Tasse Tee vorm Fernseher zu sitzen, um sich
bei einem Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und Holland mit gegenseitiger
Schadenfreude zu ärgern. Joes kleine Wohnung in Overdinkel erreichte man am schnellsten
über den nördlichen der drei Gronauer Grenzübergänge. Dort stand
die Tür für André Tag und Nacht offen, um ihn einzulassen in sein
heimliches zweites Zuhause. Keine Frage, die Zeit war plötzlich reif für
einen unangemeldeten Besuch.
Er schritt zurück durch
den finsteren Klosterwald, über den Hof an den Wirtschaftsgebäuden vorbei,
dann an der alten Klostermauer entlang, hinter der der Friedhof lag.
"Halt! Wer ist da?"
rief jemand.
André erschrak mächtig.
Der Friedhof war nachts ein unheimlicher Ort. Keine drei Meter entfernt befand sich
der einzige Zugang dorthin von dieser Seite. Die Eisentür stand halb geöffnet,
es war aber niemand zu sehen. Zöllner, die hier im Grenzbereich rund um die Uhr
patrouillierten, würden doch nicht auf einem Friedhof Posten beziehen.
Er brachte kein Wort heraus und
schrumpfte durch eine Ganzkörper-Gänsehaut bestimmt um zwei Zentimeter. Vielleicht
war er jetzt zu klein, um gesehen zu werden? Die Lösung gefiel ihm, aber er hielt
sie dann doch eher für unwahrscheinlich. Irgendjemand hatte ihn also entdeckt.
Wenn der fragt, wer ich bin, dachte er, dann sieht der auch nicht viel mehr als ich.
Und da ich nicht an Geister glauben will, wird es wohl irgendein menschliches Wesen
sein. Also bewegte er sich vorsichtig, und dabei angespannt lauschend und in die Dunkelheit
starrend an der Tür vorbei. Plötzlich trat ein Pater daraus hervor, schwärzer
als die Nacht. Seine Kapuze hatte er über den Kopf gezogen, weshalb André
das Gesicht nicht erkannte. Der Anblick war schauderhaft. Selbst Geister konnten nicht
erschreckender aussehen.
Er rannte, so schnell er konnte,
bis zur gepflasterten Straße, die zu ihrem Haus führte. Dort schwang er
sich auf sein Fahrrad und radelte los, den Schreck noch in den Gliedern. Von hier bis
nach Overdinkel brauchte er nur dreißig Minuten. André war stumm. Als
seine Tränen nicht mehr flossen, geriet auch sein Gedankenfluss ins Stocken. Und
wer nicht denkt, der sollte auch nicht reden. Die Gedanken halfen ihm nicht aus der
Not, ihr Unverständnis machte alles noch schlimmer. Er brauchte jetzt jemanden,
der ihn einfach nur festhielt, ohne Fragen zu stellen. Die Grenzstation war nachts
nicht mit Zöllnern besetzt, der Schlagbaum blieb bis zum Morgen unten. Autos benutzten
in dieser Zeit den Hauptübergang Glanerbrug, mit dem Fahrrad aber konnte man die
Absperrung passieren. Als Joe die Tür öffnete, sagte er: "Hoi!"
André schwieg. Er schlich
zur Couch an der Heizung und setzte sich. Joe kochte in der kleinen Küche einen
Tee und kam ein paar Minuten später damit angesaust, stellte ihn auf den Tisch
und pflanzte seine zwei Zentner neben den bedrückt dreinschauenden Freund, so
dass im Polster eine tiefe Kuhle entstand, in die André zwangsläufig hineinkullerte.
Er landete auf Joes mächtigen Oberschenkeln und blieb dort liegen. Eine riesige
Bärenpranke strich ihm zärtlich durch die Löwenmähne, und der Bär
sprach äußerst verständnisvoll: "Scheiße. |