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Parallel dazu quälte
sich André in der Stadt Gronau im evangelischen Krankenhaus ans Licht der Welt.
Er kam genau einen Monat zu früh. Vielleicht lief die Zeit auch nur zu langsam
ab. Sollte das zu Schwierigkeiten in den deutschen Verwaltungen führen, weil er
nun einen zusätzlichen Lebensmonat besaß, so sah er kein Problem darin,
diesen Monat später durch Geschwindigkeitsverzicht wieder auszugleichen. Wenn
es sein musste, war er langsamer als jede Verwaltung. Die Hebamme griff mit einer Hand
von hinten um seinen Rücken und hielt viereinhalb Pfund Skelett in die Luft, von
dem die überschüssige Haut in langen Falten herabhing. Aus zweierlei Gründen
vollzog er die Geburt so voreilig. Erstens wollte er seinen Vater noch kennenlernen,
und zweitens bestand er darauf, ein Märzkind zu sein, denn die Natur erwachte
gerade aus dem Winterschlaf. Die Stare flogen aus dem Süden ein und riefen seinen
Namen. Nur wenigen Menschen war es vergönnt, von den Staren auf die Welt gerufen
zu werden, nur jenen eben, die die Gabe in sich trugen, die Sprache der Tiere zu verstehen.
Eingesperrt im Mutterleib lauschte André gespannt den Stimmen der Vögel.
Ohne Zweifel, sie meinten ihn. Und er kam heraus, dem verlockenden Ruf der Stare folgend.
Nun blieben ihm 30 Tage Zeit zu Begegnungen mit seinem
Vater. Es reichte nicht für eine spätere Erinnerung, denn dieser starb pünktlich
zu Andrés offiziellem Geburtstermin. Er fuhr mit dem Motorrad in ein Schaf.
Das Motorrad war kaputt, das Schaf war kaputt, sein Vater war kaputt. Und niemand wusste
etwas von dem Austausch, der sich damit heimlich vollzog. Der Vater pflanzte seinen
Abschied in den kindlichen Beginn und machte jeden Anfang und jedes Ende zu unzertrennlichen
Gefährten für André. Sein ganzes Leben sollte davon bestimmt werden,
von den starken Gegensätzen, die oft unvereinbar schienen. Und er hörte wieder
die Stare, die die letzten auserwählten Kinder aus den Bäuchen der Mütter
lockten, und er hörte die Schwalben, die ihn aufgeregt weiter in das Jahr zerrten.
Und als der Sommerwind seine faltige und schrumpelige Haut ganz warm und glatt gebügelt
hatte, da hörte er zum ersten Mal die Lerche. Die sang von tiefer Trauer und von
tiefer Freude und schloss eine melancholische Freundschaft mit dem Frühlingskind.
Sie erzählte Lied für Lied von den kalten Tagen, die in jeder Jahreszeit
kommen könnten und die André noch nicht kannte. Die Lerche war unglaublich.
Wie ein Magnet zog sie ihn in ihren Bann. Ihr Gesang tropfte vom Himmel, rieselte nieder
auf das staunende Kind und später auf den fragenden, jungen Mann. Jahr für
Jahr brachte sie sein Herz mit ihrer gewaltigen Stimme zum Glühen. Aber sie vermochte
es auch einzufrieren. Davor schützte nicht einmal der heißeste Sommer. Sie
sprach von Liebe, und er schmolz dahin in einem fernen Glück. Sie sprach von Angst,
und er fühlte sich beobachtet. Es gab eine Mystik, die tief und verborgen lag,
unentdeckt, verschüttet und lauernd. Mit seiner Fähigkeit, die Sprache der
Vögel zu verstehen, wurde er in diese Welt geboren und war er aufgewachsen. Er
konnte diese Tatsache nicht leugnen, vor sich selbst schon gar nicht. Aber kaum jemand
nahm ihn ernst, wenn er davon erzählte. Und es lebte niemand mehr, der ihm das
wirklich glaubte. Und dennoch stand er damit erst am Anfang einer heimlichen und unheimlichen
Geschichte, die sich manchmal in diffusen Ahnungen ankündigte.
All diese Erlebnisse trugen zu seiner Sehnsucht bei,
die keinen festen Ursprung und kein festes Ziel kannte. Unbändig explodierten
seine Gefühle, manchmal chaotisch und meistens bestimmend. Er probierte beides
aus, sich ihnen hinzugeben oder mit ihnen zu kämpfen, wenn sie von ihm Besitz
ergriffen. Dann wehrte er sich mit Händen, Füßen und Worten gegen ihre
Eroberungsversuche.
Ich lass mich von euch nicht an der Nase herumführen.
Ich bin Herr im eigenen Körper! Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob der
einen Entenarsch hat oder nicht. Mein Körper ist eine göttliche Ansammlung
erotische Atome und cleverer Moleküle. Zwar gibt es für mich gar keinen Gott,
aber das geht euch einen Scheißdreck an. Für destruktive Gefühle hab
ich einfach keinen Platz, die brauch ich nicht, die will ich nicht, die sind auch nicht
von mir! sagte er zu seinen Gefühlen in zornigen Minuten und meinte sich
doch selbst.
Er war nicht sein eigener Herr. Plötzlich geriet
sein Körper außer Kontrolle, ausgerechnet! Auf den hatte er sich gestützt,
dem konnte er vertrauen, der war verlässlich. Wie konnte der ihn jetzt im Stich
lassen? Im Sog dieser Erfahrung wankten auch seine Gedanken, sein Verständnis,
sein Selbstverständnis. Und so brachten ihn die verworrenen Gefühle eines
Morgens zu Fall, die Last des Lebens, diese ihm auferlegte Bürde, da zu sein und
mit der Wirklichkeit irgendwie zurecht kommen zu müssen. Er spürte ein leichtes
Zucken in der Unterlippe.
"Nanu", wunderte er sich, "wer zuckt
mich da?"
Es wurde stärker.
"Hey, hey, das ist meine Lippe. Und wenn die zucken
soll, dann sag ich es ihr schon!"
Ungeachtet dessen begann die Oberlippe ebenfalls unruhig
zu hüpfen. Er stand auf, um in den Spiegel zu sehen. Seine Sprache verstummte
nun schon vor den Stimmbändern. Kein Wort drang mehr von innen nach außen.
Die Beine knickten unsicher ein. Er stolperte durch die offene Tür. Seine Kiefermuskeln
verkrampften sich. Er fiel vornüber und landete mit der rechten Stirn auf der
spitzen Ecke der Schrankschublade. Ein kurzer Stich jagte durch den Kopf. Den Körper
gebeugt, kniete er auf dem Boden. Seine Oberlippe zog sich links hoch, die Unterlippe
rechts runter. Verzweifelt leistete er Widerstand gegen diese gewaltige Attacke, versuchte
seinen verzerrten Mund zu öffnen. Dann glaubte er, einen seitlichen Salto zu machen,
und es wurde finster. Andrés ganzer Körper zuckte. Die Krämpfe schüttelten
ihn, und er röchelte nach Luft. Zwei Minuten dauerte es, bis sich der Anfall löste
und sich seine Atmung wieder einstellte. Allmählich und verschwommen nahm er seine
Umgebung wahr. Er sah seine roten Hände und das blutverschmierte Hemd. Die Kopfwunde
schmerzte. Was war passiert? - Er kroch zum Telefon.
"St. Antonius-Hospital Gronau, guten Morgen."
"Guten Morgen. Ich bins. Wenn Sie gerade
nichts zu tun haben, könnten Sie mir einen Krankenwagen schicken."
"Wer sind Sie, und worum gehts denn?"
"Ich bin André, und es geht um mich. Ich
blute. Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich brauch n Krankenwagen. Die
Straße zum Kloster, Nr. 37a in Bardel."
"Es wird gleich jemand kommen."
"Danke."
Das dauerte eine Weile, denn André lebte mit
seiner Mutter in die Gemeinde Bardel, acht Kilometer entfernt von der nächsten
Stadt. Kurz nach seinem fünften Geburtstag zogen sie damals in diese schöne,
ländliche Gegend, die überwiegend aus Wald, Feldern, Wiesen, einer bezaubernden
Moorlandschaft und einigen verstreut liegenden Bauernhöfen bestand. An ihrer Westseite
verlief die holländische Grenze, und im Osten schloss ein großes Moor ihre
Fläche ab. Diese kleine, schwach besiedelte Insel bekam für André
schnell Weltbedeutung. Sie war für ihn berauschend wie das Nachtleben der Großstädte,
aber er empfand sie nie als oberflächlich. Er liebte die Natur und kannte in den
Wäldern der Umgebung jeden Quadratmeter. Zu einigen Plätzen fühlte er
eine so tiefe, innige Verbindung, die er später einmal als sentimentalemotionale
Sehnsuchtsillusion bezeichnete. In den ersten Jahren hatte seine Sehnsucht keine Adresse.
Ihm fehlte der Empfänger dieser süßen Trauer, die für ihn nur
existierte, weil er sie als diffusen Schleier in sich selbst wahrnahm. Den Grund ihrer
Existenz konnte er lange Zeit nicht entdecken, nämlich die Tatsache, dass jeder
Tag, jede Stunde, jede Minute, ja, die Gegenwart an sich durchtränkt war mit permanentem
Abschied. Die Vergänglichkeit machte ihn heimlich melancholisch. Er mochte dieses
Gefühl sogar. Doch es gab auch eine Sehnsucht, die in die Zukunft gerichtet war,
und die zeigte ihm beständig, dass in seinem Leben etwas fehlte. Aber wonach sollte
er suchen?
Manchmal fragte seine Mutter ihn: "Was machst
du eigentlich immer im Wald? Jeden Tag verschwindest du stundenlang im Dickicht, als
wolltest du dein halbes Leben dort verbringen?"
"Ach, Mütterchen", antwortete André
darauf, "der Wald besitzt eine Tiefe, die kein Haus in sich verbergen kann. -
Es gibt allerdings auch Tiefen, in denen sich kein Wald befindet. Und die wiederum
entdecke ich nicht selten sogar in einem Haus. Die Welt zeigt sich manchmal teuflisch
verzwickt, findest du nicht auch?"
Mütterchen schüttelte verständnislos
den Kopf. Das war wieder eine seiner typischen Antworten. Nicht wirklich konkret, aber
auch nicht so sinnlos, als dass man ihm vorwerfen könnte, er hätte die Frage
außer Acht gelassen.
Sie wohnten in einer kleinen Siedlung alter Zollhäuser,
die gebaut waren aus roten Ziegeln und jeweils zwei Familien Platz boten. Hier sollte
er den größten Teil seiner Kindheit verbringen. Ein Umstand, den er nie
bereute. Als sie damals nach Bardel zogen, wusste er noch nicht, dass dies seine erste
und auch letzte Heimat würde. Aber gleich der Anfang gestaltete sich zu einem
unvergesslichen Ereignis.
Während die Erwachsenen Möbel schleppten,
sah sich der kleine André sein neues Zuhause an. Er öffnete neugierig die
Badezimmertür und flüsterte: "Guck mal!" Und er guckte, staunte
und schwieg minutenlang vor Begeisterung über diese erste fest installierte Badewanne
seines Lebens. Und weil er so drängelte und quengelte, füllte seine Mutter
sie abends bis zum Rand mit dampfendem Wasser. Er sackte in den heißen See und
entschwand in ferne Welten. Das Brennholz im Heizkessel knisterte und die Temperatur
in dem kleinen, gerade einmal drei Quadratmeter großen Raum stieg fast unerträglich
an. Kaum etwas anderes empfand er je so wunderbar, wie in der Badewanne zu sitzen und
seine Gedanken fliegen zu lassen. Diese wohlige Wärme, die den ganzen Körper
erfasste, strahlte auch nach innen. Von außen nach innen Wärme zu verbreiten,
schien der Natur vorbehalten, also den lebenswichtigen Elementen und den Lebewesen,
deren Natürlichkeit intuitiv war. Es gab auch solche Menschen.
Nebenan lebte ein altes Ehepaar. Herr und Frau Sieder
verteilten zur Nachbarschaftsbegrüßung eingekochte Pfirsiche.
Sie saßen oft am Ende des großen Gartens
auf einer kleinen Bank vor den Kaninchenställen. Sie redete und er schwieg, das
änderte sich während Andrés kompletter Kindheit und Jugend nicht.
Herr Sieder schaffte es trotz seines hohen Alters stundenlang im Garten Kartoffeln
auszugraben und einzusammeln. Die redeten wenigstens nicht, das verlieh ihm Ausdauer
und Kraft. Der Garten konnte deshalb auch nicht groß genug sein. Außerdem
musste jeden Sommer Brennholz gesägt, gehackt und äußerst penibel gestapelt
werden. Die übertriebene Sorgsamkeit war keine Pflicht. Er schenkte sich selbst
ein wenig schweigsame Zeit, indem er den Vorgang in die Länge zog. Auf dem Areal
der Sieders standen Pfirsich-, Kirsch- und Esskastanienbäume, bei André
und seiner Mutter einige Apfel-, Pflaumen- und Birnenbäume.
Es gab keine Straßennamen in Bardel, nur Hausnummern,
die fortlaufend verteilt wurden. Jedes neue Wohngebäude bekam die nächsthöhere
noch unbesetzte Ziffer. Die kleinste Nummer markierte somit das älteste Haus.
Die Räume in den Häusern besaßen hochgezogene Decken.
"Mein Zimmer wäre wesentlich größer,
wenn ich es umkippen könnte", bemerkte André später einmal. "Schade,
dass mir dazu die Energie fehlt."
Alle Familien verfügten über Hühnerställe
und eine Schweinebox. Eigene Schweine hielt allerdings niemand mehr in dieser Siedlung.
Seine Mutter arbeitete in einem nahegelegenen Kloster
der Franziskaner, das in sich viele Geschichten und viele unbekannte, persönliche
Schicksale verbarg. Seine Erinnerungen an die eigene Kindheit sollten später fest
verwachsen sein mit dem Kloster Bardel, für immer gezeichnet von den zwiespältigen
Gedanken an eine nicht erfüllte Hoffnung und an seine großen menschlichen
Enttäuschungen.
Jetzt lag er auf dem rauhen Kokosteppich des Flures
und wartete auf den Krankenwagen. Durch die geöffnete Haustür ließ
er Luft und Licht herein. Vielleicht klärte das seine Gedanken. Welch unbändige
Kraft hatte einige Minuten zuvor von seinem Körper Besitz ergriffen. Er war tief
beeindruckt von diesem wilden Überfall, der so urplötzlich und unvorbereitet
geschah, dass sein Verständnis noch völlig im Dunkeln tappte. Und weil seine
verwirrten Gedanken in ihm suchend umherjagten, blieben ihm weder Zeit noch Sinn für
die Gefühle der Angst. Die Angst allerdings fand in diesen Momenten einen neuen,
nahrhaften Boden für ihre Existenz. Sie nutzte jede Gelegenheit, um sich einzunisten,
und verwertete Krankheiten und andere unangenehme Erlebnisse wie die Geier das liegengebliebene
Aas. Ihr Charakter entpuppte sich als hilfreich oder tyrannisch, das waren ihre zwei
Gesichter. Dazwischen gab es nichts.
André atmete tief, als sich die graue Wolke
am Himmel verschob, die Morgensonne durch die Zweige des Apfelbaumes hindurchschoss
und ihm ins Gesicht strahlte. Allmählich fühlte er sich besser. Der Schmerz
schwächte ab und seine Wahrnehmung klärte sich zu früherer Deutlichkeit.
"Steh auf, Alter. Du musst einen Zettel schreiben,
damit sie weiß, wo du abgeblieben bist."
Er wankte etwas, aber der Körper gehorchte wieder
seinen Anweisungen.
"Schau an, die Feinmotorik funktioniert noch.
Da muss ich mich wohl unter den Lebenden befinden", sprach er und schrieb: Liebes
Mütterchen, mich hats erwischt. Ich weiß zwar noch nicht, was es war
und was es wollte, aber es suchte mich ziemlich eindeutig aus. Ansonsten kann ich sogar
noch Briefchen vollkritzeln. Ich ruf Dich an. André.
Als draußen der Krankenwagen vorfuhr, kam er
den Sanitätern schon entgegen. Seine Kopfwunde blutete nicht mehr, die rechte
Gesichtshälfte jedoch leuchtete rotverschmiert in der Sonne. Er hatte sich das
im Spiegel angesehen und gesagt: "Davon wisch ich nichts ab!"
André liebte diese harmlose Dramatik und hoffte,
seiner großen Liebe, die im Krankenhaus arbeitete, so zu begegnen. Ob das etwas
verändern würde, wusste er nicht. Ihre Nähe war wichtig. Wie sie zustande
kam, war unwichtig. Als sie ihn in die Ambulanz brachten, sah er ihre erschreckten
Augen. Welch ein glücklicher Zufall, dachte er, und ließ voller Freude ein
Lächeln über seinen Mund huschen.
"Wusstest du, dass ich heute Dienst hab?"
fragte sie.
"Kein Stück", protestierte er entsetzt.
"Glaub nur nicht, dass ich absichtlich hier bin."
"Ist ja schon gut", beruhigte sie ihn. "War
bloß so ne Idee."
Ihm blieb die Genugtuung, ihr einen übertrieben
schlimmen Anblick bieten zu können. Sie wusch ihm das Gesicht, und André
genoss heimlich diese so vermisste Zuwendung.
"Deine Wunde muss genäht werden."
"Kannst du das?"
"Nein."
"Und die anderen Wunden!?"
"Welche anderen Wunden?"
"Innerlich gibt es ein paar ..."
"Die kann ich ... glaube ich ... auch nicht."
Er schwieg betroffen. Es sah nicht gut aus zwischen
ihnen. Wenigstens musste er vorläufig zur Beobachtung dort bleiben. Damit war
ihre Nähe gesichert. Er ließ sich in sein Krankenzimmer führen. In
dem lagen zwei Männer. Der eine, gut in den Dreißigern, musterte ihn still
mit skeptischen Blicken. André mochte das nicht. Arrogante Leute beeinflussten
sein Verhalten unangenehm. Darauf reagierte er so cool, dass er sich manchmal selbst
fremd erschien. Der andere Mann war wesentlich älter und von offenem Gemüt.
Er streckte ihm die Hand entgegen und stellte sich vor.
"Guten Tag. Ich bin Opa Hagelmann. Mit mir muss
man immer etwas lauter sprechen, ich hör nämlich schlecht. Du kannst ruhig
Opa zu mir sagen. Schließlich bin ich einer."
"Hallo Opa."
"Auf dich haben wir gewartet", meldete sich
der jüngere zu Wort. "Nicht wahr, Opa. Das ist unser dritter Mann."
"Soll ich euch zur Flucht verhelfen oder was?"
"Hier flüchtet niemand. Hier wird ab heute
Skat gespielt."
"Kann ich nicht. Aber wie wär's mit Schach?
Opa, spielst du vielleicht zufällig Schach?"
"Schach!? Um Himmels willen! Ich spiele nur Skat."
"Ich spiele auch kein Schach", ergänzte
der andere vorsichtshalber.
"Dann können wir eben nicht zusammen spielen",
resümierte André, legte sich aufs Bett und schwieg.
Später kam ein Arzt. Dunkler Bart.
"Guten Morgen. Mein Name ist Dr. Schubert."
"André."
"Schön, André. Ich möchte Ihnen
einige Fragen stellen. Sind Sie damit einverstanden?"
"War das schon die erste?"
"Äh ... eigentlich nicht."
"Na gut! Man muss ja schließlich wissen,
wann's losgeht."
"Jetzt geht's los. Welches Datum haben wir heute?"
"Den Zweiundzwanzigsten. Steht auf Ihrem Zettel."
Freundliches Lächeln. Von beiden.
"Und welchen Tag?"
"Wenn meine Ohnmacht nur von kurzer Dauer war,
haben wir heute Dienstag."
"Das stimmt."
"Mein Hungerfühl sprach auch für den
Dienstag. Wenn wir schon Mittwoch gehabt hätten, wär Opa Hagelmann längst
meinem unkontrollierten Kannibalismus zum Opfer gefallen."
Opa guckte fragend, als hätte er seinen Namen
gehört. Er war sich aber nicht sicher.
"Wie heißt der Bundeskanzler?" fragte
Dr. Schubert.
"Noch Helmut Schmidt. Aber Kohl hat gesagt: Ich
will Bundeskanzler werden. Schon schlimm genug. Noch schlimmer ist: Wenn er's denn
wirklich schafft, dann will er es auch bleiben - und zwar für immer."
"So, so! - Hatten Sie in ihrem Leben bereits eine
Kopfverletzung?"
"Ständig! Deshalb bin ich auch ein bisschen
verrückt."
"Na, machen Sie mal keine schlechten Scherze."
"Doch, doch."
"Wie alt sind Sie denn?"
"Achtzehn."
"Üben Sie einen Beruf aus?"
"Nein. Ich hab noch keinen Beruf gefunden."
"Haben Sie überhaupt danach gesucht?"
"Ach, wissen Sie, das Suchen ist ja keine Herausforderung.
Das Finden lernen dagegen durchaus. Ich versuche also, das Suchen zu überspringen
und direkt das Finden zu lernen. Zuerst muss ich schließlich meine Berufung entdecken,
bevor aus meinen Tätigkeiten ein Beruf wird."
"Mit dieser Einstellung werden Sie voraussichtlich
nicht weit kommen im Leben."
"Sie werden vielleicht weit kommen, Herr Schubert,
aber haben Sie dann auch gelebt?"
"Ich bin Realist."
"Ich bin Träumer."
"Ich bin glücklich verheiratet."
"Ich bin unglücklich verliebt."
"Und das finden Sie besser?"
"Das Finden lern ich ja noch!"
Schubert hatte keine Lust mehr. Er ging. In der Tür
drehte er sich noch einmal um und sagte: "Wir werden Sie vielleicht an einen Nervenarzt
überweisen müssen."
"Am besten, Sie kommen gleich mit", antwortete
André.
Die Tür knallte ins Schloss. Er grinste. Die Leute
hatten selber schlechte Nerven. |