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Im Vorgarten schlich eine
fremde schwarze Katze durch die Rhododendronbüsche. Es war ein kräftiges
Tier, das sich elegant um die Äste und Stämme bog, alle drei Schritte verharrte,
lauschte und beobachtete. Plötzlich stand es still. Knapp zwei Meter entfernt
hüpfte ein Haussperling um den Rosenstrauch und pickte hier und da etwas von der
Erde. Die Jagdlust war sofort geweckt. Eine Katze reizt alles, was sich nach links
oder rechts oder von ihr fort bewegt. Sie drückte sich vorsichtig an den Boden,
zog ihre Muskulatur zusammen und machte sich ganz klein. Ihre Blicke hefteten sich
fest an die auserwählte Beute. Das Schwanzende schlängelte aufgeregt zitternd
und die Hinterpfoten tanzten sich sanft in die ideale Absprungposition.
Das wird knapp, dachte André,
gefesselt von diesem Schauspiel und gleichzeitig die Angst und den Ekel vor dem sich
anbahnenden Drama fühlend. Zusehen oder handeln? Er schwankte. Es blieb kaum noch
Zeit zum Denken. Handeln. Er katapultierte sich aus dem Sessel, raste durchs Wohnzimmer
und den Flur, stürzte aus der Haustür, griff halb stolpernd einen Kiesel
von der Einfahrt, stob um die Hausecke, warf den Stein und schrie: "Flieg!"
Sekundenbruchteile entschieden
über Leben und Tod eines Vogels, Erfolg oder Misserfolg einer Jagd. Der Sperling
flatterte aufgeschreckt davon, als die schwarzen Krallen sich dicht hinter ihm in die
Erde gruben und nur noch eine braune Schwanzfeder aus dem flüchtenden Körper
reißen konnten. André warf sich der Katze brüllend entgegen. Die
sollte sehen, wie es ist, wenn sich ein Riese auf sie stürzt. Er wusste, dass
Katzen keine hektischen, schnellen Zuwendungen von oben mögen. Und sie hassen
es, angeschrien zu werden. Auch Bewegungen, die direkt auf sie zukommen, sind ihnen
unangenehm, selbst wenn sie von einer Maus ausgehen. Unmittelbar vor ihr, nicht einmal
eine Armlänge von ihr entfernt schlug er auf dem Boden auf. Aber dieser schwarze
Vierbeiner wich keinen Zentimeter zurück. Auge in Auge lagen sie sich gegenüber.
Ihre Blicke bohrten und stachen, verhakten sich ineinander, ohne sich eine Blöße
zu geben. Kein Blinzeln, kein Zucken, kein Zögern.
"Du bist wahnsinnig!"
sagte André.
"Nein, ich bin eine Katze."
Zum ersten Mal hörte er
eine Katze reden. Die Stimme klang rauh und zänkisch, und sie zog an den Wörtern,
als beständen sie aus Kaugummi. Er verstand die Lerche, die Stare und die Schwalben,
obwohl er ihr Zwitschern, Pfeifen und Singen ebenso wahrnahm wie alle anderen Menschen.
Aber existierte in seinem Kopf eine Art Simultan-Übersetzung. Dafür gab es
keine wissenschaftliche Erklärung, die ihm ohnehin zu einseitig gewesen wäre.
Befremdend fand er seine Fähigkeit allerdings schon deshalb nicht mehr, weil sie
für ihn seit 18 Jahren Alltag bedeutete. Aber mit einer Katze hatte er noch nie
gesprochen, das war neu.
"Warum hast du den leckeren
Sperling verscheucht?"
"Leckerer Sperling!?"
schnatterte es aus der großen Eiche. "Du verfressener schwarzer Teufel.
Katzen sind Bestien. Sie spielen mit dem Leben kleiner Tiere. Und feige sind sie, feige.
Sie schleichen sich hinterhältig an."
"Ach, sei doch ruhig, du
blödes Federvieh! Du hast ja keine Ahnung."
André mischte sich ein.
"Der Sperling hat doch recht.
Du fängst Mäuse und Vögel. Aber traust du dich auch, einen Hund zu fangen?"
"Ich trau mich sogar, einen
Menschen zu fangen, ein großes Ungeheuer, das noch ängstlicher ist als ein
Sperling. Ich könnte dir meine Krallen in die Augen schlagen, so schnell, dass
du nicht einmal Zeit hättest, die Lider zu schließen."
"Sei vorsichtig!" schall
es vom Baum herunter. "Die ist widerlich böse. Die macht dich für immer
blind."
André jedoch war so fasziniert
von dieser Situation, dass er die Gefahr völlig außer Acht ließ.
"Du hältst große
Stücke auf deine Schnelligkeit, doch ich glaube, du überschätzt dich.
Ich bin zwar ein langsamer Mensch, aber auch ich besitze einen schnellen Körper."
"Wie kommst du zu einem
schnellen Körper?"
"Ich trainiere ihn mit einer
Mischung aus Technik, Wahrnehmung und Philosophie. Wir nennen es Karate."
"Ich trainiere mit einer
Mischung aus Mäusejagd und der Sperlingsjagd."
"Pfui Teufel!" schimpfte
es aus dem Baum.
"Machen wir einen Test",
schlug André vor.
Er suchte sich ein kleines Stöckchen
und legte es genau zwischen sich und die Katze.
"Der Schnellere soll es
sich holen."
"Gut, sprechender Mensch.
Das ist ein schönes Spiel."
Sie brauchten kein Kommando.
Beide waren erprobte Spieler. Die Augen des Gegners verrieten normalerweise den Angriff.
Aber es blickten sich zwei stumme Augenpaare an, hochkonzentriert und doch in einer
unheimlichen Gelassenheit ruhend. Da gab keiner dem anderen ein Zeichen und dennoch
spürten beide, wann der Zeitpunkt der Aktion gekommen war. Gleichzeitig flogen
Finger und Krallen auf das Stöckchen und hielten es fest.
"Da habt ihr's!" schwätzte
der Sperling. "Eigentlich bin ich der Schnellste. Schließlich bin ich Dudu,
Chef der Spatzengruppe 9."
"Angeber!" raunte die
Katze ohne den Blick nach oben zu wenden und sprach weiter: "Du bist gut trainiert,
Mensch."
"Danke für das Kompliment.
Ich heiße übrigens André."
"Mein Name ist Sira."
"Sira!" krächzte
Dudu. "Der Name ist so blöd wie das ganze Tier."
"Jetzt riskierst du aber
ein zeimlich großes Maul." sagte André. "Ohne mich lägst
du doch schon stumm wie ein Grab im Katzenmagen."
"Ich wusste es!" wetterte
dieser beleidigt. "Die Großen müssen immer das letzte Wort haben."
In diesem Moment erschien Andrés
Mutter an der Hausecke und fragte: "Was machst du da auf dem Boden?"
"Ich unterhalte mich mit
der Katze."
"Aha! Und wieso musst du
dazu durchs Blumenbeet kriechen?"
"Wir haben ein Spiel gespielt,
Sira und ich. Die Katze heißt Sira."
"Kennst du sie denn? Ich
hab sie hier noch nie gesehen."
"Ich auch nicht."
"Dann kannst du auch nicht
wissen, wie sie heißt."
"Doch, sie hat's mir ja
gesagt."
"Ach, André, wer
soll dir das denn glauben? Pass lieber auf, dass sie dir nicht ins Gesicht kratzt."
"Das traut sie sich nicht.
Schließlich kann ich Karate."
"Davon weiß die Katze
ja nichts."
"Ich hab's ihr erzählt!"
"Mach keine Witze",
stöhnte sie hilflos. "Obwohl ich hoffe, dass du nur Witze machst."
"Das ganze Leben ist hoffentlich
nur ein Witz", bemerkte er und grinste der Katze ins Gesicht. Die grinste zurück.
Und das war der Beginn einer neuen Freundschaft.
Joe
Die Tage flogen vorüber.
Auf Fragen gab es Antworten, und auf Antworten folgten neue Fragen. Er hoffte auf jeden
Morgen, hoffte darauf, vielleicht überraschend in eine andere Welt zu erwachen,
um so den Nächten zu entrinnen, die sich zu einer unendlichen Kette aneinanderreihten,
die Gleichheit ständig duplizierend. Träume jagten Träume durch die
dunklen Stunden, unverständliche Geschichten, die nach Schlaf-Ende in kleine Kartons
rutschten. - André monologisierte und blinzelte in die aufgehende Sonne.
"Schon wieder eine Rätselkiste
im Kopf. Die Vergangenheit ist böse. Sie kippt einen Haufen Schrott in eine Schachtel
und sagt: Nun mal los! Bastel dir daraus die Zukunft. - Wie denn? - Nur die Sonnenstrahlen
unterscheiden den Tag von der Nacht. Alles andere ist gleich. Gleicher Rhythmus, gleiche
Fragen. Wo ist die Zukunft? Und vor allem, wo ist die Gegenwart? - Dummerchen! Die
ist schneller als das Licht, deshalb kannst du sie auch nicht sehen. - Schlaumeier!
Deine Antworten sind ungefähr so wertvoll wie Fliegenkacke. Aber Fliegenkacke
muss nicht denken, ein nicht wieder gutzumachender Vorteil. Trotzdem werde ich das
Gefühl nicht los, dass sich seit meinem Krankenhausaufenthalt irgend etwas verändert
hat. Das ist doch eigentlich schon mal besser, als der Status quo meines augenblicklichen
Zustandes. Vielleicht wäre es sinnvoll, öfter einen Anfall zu bekommen?"
Er grinste überlegen und
ignorierte die Angst vor dem Ernstfall. Dabei spürte er längst jeden Tag
deutlicher die Folgen jener Attacke. Fast unerträgliche Kopfschmerzen plagten
ihn in lang anhaltenden Schüben, und durch die kleinsten Erregungen zog sich seine
Gesichtsmuskulatur in sekundenschnelle krampfhaft zusammen. Das Leben war urplötzlich
ein anderes, in jeder Hinsicht. Karatetechniken, die er noch vor wenigen Wochen auf
Grund jahrelangen Trainings sicher, kontrolliert und ohne Zweifel ausführte, verursachten
jetzt Qualen. Sein Körper hatte Schaden genommen, er litt unter schnellen Bewegungen
und konditioneller Belastung. Die Nerven flatterten, der Geist rätselte, und die
Seele balancierte am Abgrund. Die Leichtigkeit war dahin, Kampf trat an ihre Stelle,
und die Gelassenheit geriet ins Wanken. Für André war Karate mehr als ein
Sport. Es war Philosophie, Selbstdisziplin und Medizin. Die Entdeckung und Entwicklung,
die Optimierung und Kontrolle von Bewegungen war ein Weg, das eigene Leben stückchenweise
in den Griff zu bekommen. Die eigenen Grenzen zu spüren, aber auch die eigenen
Möglichkeiten auszuloten und dabei Grenzen zu verschieben und zu überwinden,
zählte sportlich gesehen zu seinen wichtigsten Erfahrungen. Sein gutes Körpergefühl
war das Gerüst, auf dem er emporklettern konnte, um den Ausblick in die eigenen
Tiefen zu bestaunen. Vor jeder Selbstfindung stand eine Erkenntnis. Wie er sie erlangte,
war egal. Dass Karate aus dem Japanischen übersetzt "Der Weg der leeren Hand"
bedeutet, vermochte er leider nicht zu ändern. Das war ärgerlich, denn leere
Hände besaß er gleich zwei.
"Ich befinde mich doch erst
im jungen, jugendlichen Alter und stehe schon mit leeren Händen da. Wenn diese
Tendenz anhält, beginnt demnächst die Entleerung des Körpers. Und wenn
mein Schädel erst einmal hohl ist, wer soll mich dann noch retten? - Falsch! Völlig
falsch! Ungeduld fördert den Pessimismus. Also stehe ich nur deshalb noch mit
leeren Händen da, weil ich doch erst jung bin. Aber beides ist möglich. Und
das wirft die Frage auf, ob ich mich nun auf der Jungfernfahrt befinde oder vielleicht
schon ein Wrack bin?"
Er telefonierte.
"Auskunft, Platz drei. Guten
Morgen."
"Geben Sie mir eine Auskunft?"
"Natürlich! Was möchten
Sie wissen?"
"Keine Ahnung! Sie sind
doch die Auskunft. Was haben Sie anzubieten"
"Wie! Was habe ich anzubieten!
Telefonnummern habe ich anzubieten."
"Mehr nicht!? - Na gut,
dann bieten Sie mal."
"Welche denn?"
"Blöde Frage! Wenn
ich die schon wüsste, bräuchte ich ja Ihre Auskunft nicht."
"Sie müssen mir sagen,
von welchem Menschen die Nummer sein soll."
"Tja, mein Gott! Am besten
von einem, der noch lebt. Geben Sie mir einfach Ihre Nummer."
"Meine Nummer!? Das geht
nicht."
"Wieso geht das nicht?"
"Weil ich Sie überhaupt
nicht kenne."
"Wie, Sie kennen Ihre eigene
Nummer nicht?"
"Doch, die schon. Aber Sie
kenne ich nicht, meinen Gesprächspartner."
"Das stört mich nicht.
Ich will nur meine Auskunft."
"Nennen Sie mir einen Namen
und einen Ort, dann bekommen Sie eine Auskunft."
"Soll ich jetzt raten, wie
Sie heißen?"
"Von mir aus."
"Okay. Sie heißen
mit Vornamen Verarsch und mit Nachnahmen den Kunden. Stimmt's?"
"Mir reicht's!" sagte
die Auskunft und kappte das Gespräch.
"Mir auch! Dieser Postdienst
funktioniert nur im Vollrausch. Deshalb befürchte ich eine zärtlich aufblühende,
lang andauernde Kommunikationsstörung zwischen uns. Erschreckend!"
Bei diesem Wort erinnerte er
sich an das schreckliche Körpergefühl von verkrampfter Muskulatur, zuckenden
Lippen und blockierter Atmung. Die Erinnerung weckte Ängste. Niemals wieder wollte
er einem solch heimtückischen Überfall hilflos ausgeliefert sein. Doch er
wusste auch nicht, wie er sich davor schützen konnte, und deshalb entwickelte
sich die Angst zu einem ständigen Begleiter. |