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André
Früher Sommer 1976.
"Zwischen Bäumen steht ein Mensch, ein unbedeutender
Mensch. Zwischen Menschen steht ein Baum, ein unbedeutender, einsamer Baum. Zwischen
Menschen steht ein Mensch, ein unbedeutender, einsamer, fragender Mensch. Er lebt,
um zu leben. Er hat Angst vorm Leben, weniger vorm Tod. Er hat Angst vor Schmerzen.
Er ist ich. Ich bin André. Wer bin ich?"
André stand vorm Spiegel, sprach zu sich selbst
und dachte nach. In jeder wachen Minute dachte er. Aber denken vermochte er sogar im
Schlaf. Er dachte nach über alle, über sich und über sie. Sie bot ihm
ein kleines Stück Hoffnung, vielleicht einen Traum, den es wirklich gab. Sie erschien
ihm wertvoller als er sich selbst, weil er sich ohne sie ziemlich wertlos vorkam. Aber
das wusste sie nicht, konnte sie nicht wissen, er hatte es ihr ja nicht gesagt. Er
wusste es auch nicht, sein Gefühl jedoch sprach es wortlos aus. Sie war seine
erste große Liebe, die erste Verschmelzung des Ich mit dem Du. In seinem Bauch
floss glühende Lava, immer noch, obwohl die Verschmelzung längst in Widerstand
erstarrte. Das Du entfernte sich ganz langsam und ließ eine neue Dimension des
Leidens in seinem Leben zurück. Seine Hoffnung hielt das Leiden aufrecht. Lag
darin etwa der Sinn der Hoffnung?
"He Spiegel, ich seh mich. Aber seh ich mich wirklich
oder glotzt mich nur eine Projektion an? Und was ist mit dir? Bestehst du ausschließlich
aus Projektionen oder besitzt du auch ein Ich? Sind Spiegel Persönlichkeiten oder
spiegeln sie bloß Persönlichkeiten?"
Er lachte in den Spiegel.
"Sag mir, warum ich lache!"
Der Spiegel antwortete nicht. Das Lachen hatte sich
längst verselbständigt. Es entsprang einer seltsamen Zufriedenheit, die sich
im freien Raum zwischen dem Unglück ausbreitete. André studierte seinen
Körper. Der baute sich schlank mit breitem Brustkorb, starken Armen und einem
Entenarsch vor ihm im Spiegel auf. Solch ein Hohlkreuz störte natürlich.
Die übertriebene Biegung der Wirbelsäule verdarb letztendlich ein gelungenes
Design.
"Kann man solch eine Wirbelsäule eigentlich
geradebiegen?"
Diese Frage stellte er sich nicht zum ersten Mal. Viele
Selbstversuche hatte er schon unternommen auf dem Weg zur Antwort, die ihm bisher niemand
gab.
"Das Biest geht immer wieder in die alte Form
zurück. Diese Wirbelsäule ist mein Schicksal. Hoffentlich nicht mein einziges.
- Wirbelsäule? - Wirbelsäule! Eine Säule, die wirbelt. Was hat die eigentlich
mit mir zu tun?"
Je öfter er das Wort sagte, um so weniger wusste
er, was es bedeutet. Und zwischendurch rasten die Gedanken zu ihr. Sie ließen
ihn nicht los, schüttelten und streichelten und schlugen ihn.
Er verließ das Zimmer, noch mal ein kurzer Blick,
sie war nicht da.
"Verfluchter Mist! Warum bin ich nur ein Mensch?
- Jajaja, weil ich kein Huhn bin, das ist mir schon klar. Wenn aber diese Frage völlig
unwichtig ist, weshalb wird sie dann in manchen Zeiten so existentiell? Eine schwere,
erdrückende Last, deren Gewicht ich tagein, tagaus mit mir herumschleppe. Ich
bin doch kein Gewichtheber!"
Besonders leicht ertrug er sein Leben nicht.
"Am liebsten würde ich auf einem Kissen sitzend
übers Meer schaukeln. Stattdessen glotz ich in den Spiegel und begegne mir. Ein
kompliziertes Pärchen, mein Doppel-Ich. Entweder bin ich blind oder all die anderen
scheinen mit sich selbst überhaupt keine Probleme zu haben. Für die ist Kraft
Luxus. Ich brauch meine Kräfte zum Leben. Sonst läuft da nix."
André schwieg jetzt kurzfristig und wurde traurig.
Unter solchen Gefühlen dachte er mit dreifacher Geschwindigkeit.
Eine Träne floss ihm an der Nase entlang und klammerte
sich an die Oberlippe. Seine Zunge wischte sie weg.
"Trauer schmeckt salzig. Ich wäre glücklich,
ach, was wär ich, glaub ich, glücklich, wenn sich ihre Arme um mich legten,
wenn ich ihren Atem spüren dürfte."
Nichts passierte.
"Verdammtes Leben! - Ich schlag alles kaputt,
den Tisch, den Stuhl, den Schrank!"
Er hämmerte gegen die Tür.
"Ich reiß dich raus, Scheißtür!
Ich reiß alles raus!" brüllte André. Dann rannte er aus dem
Haus, stürmte in den Wald und schrie, als würde jemand ihm Gewalt antun.
Ein morsches, dünnes Bäumchen sollte herhalten für seinen Frust. Er
trat zu. Jedoch wider jeder sinnvollen Technik tat er es mit der empfindlichen Fußoberseite.
"Mein Fuß, so'n Mist, mein Fuß!"
Er wälzte sich zwischen den Blaubeerbüschen
und zählte den Schmerz in Buchstaben. Das Alphabet war im Nu durchschritten.
"Du saublödes Alphabet!"
Er sah vom Waldboden aus durch die Blaubeerbüsche
in die Kiefern- und Fichtenkronen.
"Hier bleib ich liegen bis zu meinem Tod."
Auf seinem linken Arm kribbelte es. Da saß eine
Ameise. Nein, vierzig, fünfzig. Er schlug zu, sprang hoch.
"Idioten!"
Er humpelte aus dem Wald. Das morsche, dünne Bäumchen
stand noch so wie zuvor. André würdigte es eines unwürdigen Blickes
und flüsterte: "Ich komm wieder ... mit Axt. Und dann werd ich einem unbedeutenden,
einsamen Baum zeigen, wozu ein unbedeutender, einsamer Mensch fähig ist, wenn
ihn die Neugier treibt, zu erleben, wozu ein unbedeutender, einsamer Mensch fähig
ist, wenn er mit einer Axt bewaffnet zu einem unbedeutenden, einsamen Baum geht. Und
dabei ist es mir völlig egal, wenn du denkst, dass ich mich total bescheuert benehme,
denn das fasziniert mich ja gerade an mir. Ich wäre glücklich, ach, was wär
ich, glaub ich, glücklich, wenn sich ihre Arme um mich legten, wenn ich ihren
Atem spüren dürfte."
Nichts passierte. - Doch. Ein kühler Hauch wirbelte
um seinen plötzlich fröstelnden Körper. Das war nicht ihr Atem. Das
war etwas Fremdes.
Am nächsten Morgen lag er wach im Bett. Der Gedankenmotor
begann zu brummen. André gab Gas, und sein Turbolader schob ihn rasch weiter
ins Reich der Phantasie. Das Spiel mit Worten beherrschte er in einer ihm ansonsten
eher uneigenen Spontanität. Trotzdem war Sprache für ihn eine große
Herausforderung, denn er wollte weit mehr, als in abgedrehten Monologen und Dialogen
zu glänzen. Er spürte eine tiefe Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit und eine
befriedigende Freude an philosophischen Erkenntnissen, sofern sie von ihm kamen. Natürlich
wusste er, dass auch andere Menschen gute Gedanken hatten und viele Weisheiten schon
existierten, bevor sie ihm einfielen. Entscheidend war einfach, dass er erst nach seiner
eigenen Erleuchtung von ihrer Existenz erfuhr. In anderen Fällen fühlte er
sich um die persönliche Leistung betrogen.
Er biss in seine Zudecke, zerrte und riss mit den Zähnen
an ihr herum und kaute anschließend auf einem Büschel Wollflusen.
"Welches Dreckschwein hat mir die Flusen ins Maul
gesteckt? - Haaaa! Ich muss noch viel verrückter werden, damit die anderen sehen,
wie normal sie sind."
Eine Fliege surrte an ihm vorbei, zog einige Kreise
und landete dann kurz vor seiner Hand auf dem Bett.
"Na, kleine Fliege! Du glaubst bestimmt, du hast
dir diesen Landeplatz ausgewählt, oder? Stimmt nicht. Der Landeplatz wählte
dich. Schließlich hat der schon ne ganze Weile auf dich gewartet. So ist
das nämlich."
Langsam schob sich sein Zeigefinger an sie heran. Noch
fünf Zentimeter, noch vier, noch drei, die Spannung wuchs. Flog sie davon? Noch
einen Zentimeter, er glaubte, sie schon zu fühlen. Sie saß regungslos da,
anscheinend voller Erwartung. Jetzt berührte er sie, und dann spürte er,
wie ihre Beine sich über seinen Finger bewegten.
"Streng dich an, André. Du musst dich ganz
locker konzentrieren und dann jeden einzelnen Schritt von ihr zählen. Zähl
mit, los, zähl mit!"
Unmöglich.
"Siehste, Fliege! So dumm sind wir Menschen. Und
wie klug bist du, du kleines Leben?"
Er pustete sie weg.
"Ich weiß, ich weiß! In Wirklichkeit
wolltest du nur auf meinem Windstoß reiten. Deshalb warst du überhaupt gelandet.
Bist du ein Männchen oder ein Weibchen?" rief er hinterher.
"Ich jedenfalls halte mich für ein Männchen,
aber man kann ja nie wissen."
Er sah nach.
"Tatsachlich, ich bin ein Mann, zumindest unten.
Und oben? Alles Muskeln. - Was würde ich jetzt als Frau tun? Meine Brüste
umfassen? Nur eine Sache der Gewohnheit, nichts Aufregendes."
André versuchte, einen logischen Spruch zu formulieren.
"Wenn ich du wäre, könnte ich ohne mich
nicht mehr leben. - Nicht schlecht, nicht schlecht! Steh ich nun auf oder nicht? Soll
ich nun onanieren oder nicht? - Nein! Ich beherrsche mich, enthalte mich, übe
mich in Disziplin. Schließlich hab ich gestern Abend erst. Das muss doch möglich
sein, sich bis zum nächsten Abend zusammenzureißen. Und wer weiß,
was der Tag bringt? Vielleicht geht mir ja jemand zur Hand? Das wär sowieso viel
bequemer. Also steh ich auf. - Oder!?"
Er schlurfte ins Badezimmer. Stand vorm Spülstein.
In Kopfhöhe der Spiegel, er erkannte sich darin. Dem Spiegel gings genauso.
"Blödes Ding."
André drehte ihn um, grinste, keiner grinste
zurück. Zufrieden begann er, sich zu waschen. Zähne putzen.
"Dabei muss ich mich sehen."
Wieder wendete er den Spiegel. Dem wars egal,
er hatte keine Zähne.
"Noch schnell die Haare bürsten und dann
auf die Waage. 125 Pfund, Donnerwetter!"
Er hüpfte herunter, stellte sich noch mal drauf.
"124 1/2 Pfund, schon besser."
Er hüpfte erneut und wog ein drittes Mal.
"124 Pfund. Die Waage gefällt mir. Die frisst
meine Pfunde. Die ist viel flexibeler als so'n Spiegel. Nimmt mich jedesmal anders
wahr. Hörst du das, Spiegel! Nur in dir seh ich immer gleich aus. Dabei bin ich
niemals gleich. Ich lass dich jetzt mit dir allein. Dann kannst du die gegenüberliegende
Wand anstarren, die sich ja in dir spiegelt. Theoretisch müsstest du dann auch
als Wand gucken können und so dich selber sehen. Aber was verstehst du schon?"
Er verließ das Badezimmer, nahm ne Banane
und schälte sie ab.
"Der Gorilla wurde von der Banane gefressen. Er
muss also bei ihr im Bauch sein. Aber wo hat sie ihren Bauch? Hey, Banane, wo hast
du deinen Bauch? Sicher in der Mitte der Krümmung. Ich will den Gorilla."
Er durchbohrte mit dem Zeigefinger die Banane. An drei
verschiedenen Stellen. Kein Gorilla zu finden.
"Sie muss ihren Bauch also woanders haben."
Er umfasste sie mit beiden Händen und drückte
zu. Alles Matsche. Kein Gorilla.
"Vielleicht hab ich ihn zerquetscht?"
André warf die Banane in den Komposteimer.
"Ich will doch keinen Affen mitessen."
Er verzichtete auf das Frühstücken.
"Kann ja keiner wissen, wo überall n
Affe drinsteckt?"
Die Stunden strichen dahin und füllten sich mit
verrückten, lebendigen Ideen und Phantasien. Er spürte die heißen Tage
des Sommers 1976 auf seiner Haut, und manchmal fror es ihn innerlich in einem wallenden
Meer aus süßer, trauriger Sehnsucht. Vieles trug zu diesen Gefühlen
bei, vieles aus seinem bisherigen Leben, das vor achtzehn Jahren so voreilig begann.
Die Menschen schrieben damals einen eher bedeutungslosen Tag in die Geschichtsbücher,
den 22. März 1958. Keine natürliche und keine weltpolitische Katastrophe
jagte als Nachricht um den blauen Planeten. Persönliche Schicksale aber gab es
viele, gerechte und grausame, glückliche und gelangweilte, täglich, stündlich
und unwichtig für die große Bühne, auf der der Deutsche Bundestag,
parteipolitisch bis in die Haarspitzen engagiert, über die Außenpolitik,
die Wiedervereinigung und die atomare Rüstung, debattierte.
Verteidigungsminister Strauß erklärte, ein
Verteidigungsminister sei ein Friedensminister, der Starfighter ein umweltfreundliches
Segelfluggerät und der Kampfpanzer Leopard ein technologisches Spitzenprodukt,
das sich insbesondere zum Pflügen der Äcker bewährt habe. Da näherte
sich die 77jährige CDU-Abgeordnete Dr. Helene Weber mit einem freundlichen Lächeln
und zwei Tafeln Schokolade bewaffnet der Regierungsbank und reichte Dr. Adenauer und
Dr. von Brentano die parlamentarische Tagesration menschlicher Zuneigung. Verteidigungsminister
Strauß wurde bei diesem süßen Angriff nicht berücksichtigt, weil
er ohnehin schon eine schlechte Figur machte. |