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Der alte Richard
Ein neuer Morgen blinzelte durchs
Fenster und riss André aus dem erlösenden Schlaf. Sofort startete sein
Gedankenmotor. Frisch und ausgeruht arbeitete sein Gehirn an den alten und neuen unbeantworteten
Fragen. Während Joe noch im Bett lag und schnarchte, verabschiedete sich André
wortlos mit liebevollen Blicken und verschwand. Er fuhr mit dem Fahrrad nach Gronau
und schlich dort suchend durch die Stadt. Niemand schien auf ihn zu warten und jeder
sah zufriedener aus, als er sich fühlte. Kleine Wünsche kamen auf, schwebten
hoffend wie bunt glitzernde Seifenblasen empor und zerschellten an der Mauer zwischen
ihm und ihr. Wieder kleine Wünsche. Das gleiche im gleichen Rhythmus, immerzu.
Stundenlang irrte er so durch die Straßen, bis der Tag vollkommen kaputt war.
Er wusste nicht mehr weiter, wusste nicht mehr, wie er gut und schlecht, wie er falsch
und richtig unterscheiden sollte. In der Schaufenster-Dekoration einer Apotheke stand
groß geschrieben: Spalt - schaltet den Schmerz ab. Schnell! Das war die Lösung.
Er betrat das Geschäft.
"Tag. Spalt ist eine Tablette,
nicht wahr!?"
"Das stimmt. Eine Schmerztablette.
Rezeptfrei."
"Ist sie nun ein Rezept
gegen Schmerzen oder nicht?"
"Natürlich ist sie
das. Aber Sie benötigen kein Rezept."
"Ich hab auch keins. Deswegen
bin ich ja hier. Aber die Tablette hat eins, diese rezeptfreie. Finden Sie das eigentlich
nicht komisch?"
"Sie finde ich komisch.
Was wollen Sie denn nun?"
"Eine Spalt-Tablette, wenn
die den Schmerz abschaltet."
"Das tut sie in der Regel.
Um welchen Schmerz handelt es sich?"
"Um Herzschmerzen."
"Herzschmerzen sollten Sie
nicht auf die leichte Schulter nehmen. Waren Sie schon beim Arzt?"
"Klar war ich beim Arzt,
sogar im Krankenhaus. Die können aber nichts feststellen. Die gucken an der falschen
Stelle."
"Also leiden Sie nicht an
einer Herzkrankheit."
"Nö, 'ne Krankheit
ist das nicht. Ich leide unter Trauerkummer."
"Was ist denn Trauerkummer?"
"Das gleiche wie Liebeskummer.
Bei den Katzen heißt es Trauerkummer."
"Bei den Katzen?"
"Ja, das weiß ich
aus erster Hand."
"So, so, aus erster Hand.
Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber ich weiß wirklich nicht wie. Und ganz
ehrlich, unsere Spalt-Tabletten nützen Ihnen da wenig."
"Es müssen ja nicht
unbedingt Spalt-Tabletten sein. Wenn die den Schmerz nicht vernünftig abschalten,
dann packen wir das Übel eben an der Wurzel. Geben Sie mir eine Tablette, die
das Gehirn abschaltet."
"Die gibt's nicht."
"Auch das noch. Was mach
ich jetzt?"
"Sie müssen Ihr Problem
anders lösen, nicht mit Tabletten. Gehen Sie zu einer Beratungsstelle. Dort hilft
man Ihnen sicherlich weiter."
"Keine schlechte Idee. Eine
Anti-Tabletten-Beratung. Danke für den Rat. Kostet der was?"
"Der kostet nichts."
"Sie raten mir kostenlos
davon ab, Ihre Tabletten zu kaufen. Wovon leben Sie eigentlich?"
"Ich glaube fest daran,
dass die Verkaufszahlen steigen, sobald Sie mein Geschäft wieder verlassen haben."
"Es gibt Menschen mit einem
unerschütterlichen Optimismus."
Er verließ die Apotheke.
"Der spinnt doch. Wirbt
großkotzig mit Spalt-Tabletten, und dann wirken die nicht. Die haben eben selbst
kein Rezept, deshalb sind die auch rezeptfrei. Man wird überall beschissen!"
Er atmete schwer. Das Leid presste
ihm die Lunge zusammen. Und wieder flossen seine Tränen ihm wie ein kleiner Strom
durch sein Gesicht. Sarkasmus, Witze, Ironie, all diese Dinge konnten seine Trauer
nicht dauerhaft verdrängen. Seine Wortspielereien dienten ihm als Schutzschild
gegen die Ernsthaftigkeit des Lebens. Kleine Fluchten vor der Wirklichkeit, kleine
Fluchten vor der großen Flucht, dem unwiderruflichen Exodos, den er zwar manchmal
herbeiforderte, dem er aber andererseits freiwillig nicht einen Millimeter entgegenging.
Endgültig verflogen waren die kurzen Augenblicke im Land des Glücks, die
er gerne für immer festgehalten hätte, weil es ihn vor den Stunden danach
so sehr ängstigte. Er besaß keine Vorstellung von einem neuen Anfang. Das
Ende dominierte alles.
Am nächsten Tag fuhr André
zu einer Nervenärztin nach Nordhorn, dort sollte ein EEG gemacht werden. Die Frau
redete ziemlich viel, um ihn zu beruhigen.
"Ich bin überhaupt
nicht nervös", beruhigte er sie.
"Na, um so besser. Es gibt
auch keinen Grund. Setzen Sie sich bitte in den Stuhl."
Er setzte sich in einen dreiteiligen
Stuhl. Anschließend wurde ihm ein Gummiband um den Kopf gelegt, eine ziemliche
Fummelei.
"Die Haare sind im Weg",
sagte die Ärztin.
"Ich finde, das Gummiband
ist im Weg", antwortete André.
Kabel wurden miteinander verknüpft,
an die Ohren geklemmt, auf die Nase und an die Stirn.
"Wie seh ich aus?"
fragte er. "Geben Sie mir einen Spiegel. Ich will sehen, wie ich ausseh."
"Sie brauchen keine Angst
zu haben."
"Ich hab keine Angst. Ich
will nur wissen, wie ich ausseh."
Die Stuhllehne klappte zurück,
vorne gings hoch.
"Legen Sie sich ganz entspannt
hin, und tun Sie das, was ich sage. Augen zu!"
Er schloss die Augen, der Apparat
begann zu summen, sie kritzelte auf Papier. Das Gummiband drückte. Er fragte sich,
wie das Gerät funktionierte, worauf es ansprach.
"Reagiert es auf Gedanken?"
"Wie bitte?"
"Der Apparat, reagiert er
auf Gedanken?"
"Nein."
"Kann ich ihn reinlegen?"
"Sie müssen sich ruhig
verhalten."
"Vielleicht gibts
dann ne Fehldiagnose?"
"Hören Sie, es gibt
keine Fehldiagnose. Aber Sie müssen jetzt ruhig sein."
"Sind Sie nun überzeugt
oder gutgläubig?"
"Junger Mann, ich kann so
nicht arbeiten. Halten Sie gefälligst den Mund."
Er fragte sich, ob Nervenärzte
grundsätzlich schlechte Nerven haben und ob sie deshalb vielleicht Nervenärzte
heißen. Dabei grinste er verschmitzt. Das Gummiband war dermaßen stramm,
dass er den Schädel exakt in seiner äußeren Form spürte, dass
er glaubte, innen wäre alles geheimnisvoll in einem dunklen, verworrenen Labyrinth
versteckt. Er hatte recht.
"Augen auf!"
Er starrte an die Decke.
"Augen zu!"
Gefiel ihm viel besser.
Der Druck verstärkte sich.
Er dachte schneller. Alles Mögliche. Blöder Apparat. Wie ich jetzt wohl ausseh?
Soll ich mich mal konzentrieren? Vielleicht explodiert das Gerät dann? Mist! Bin
ich nun entspannt oder nicht? Ich glaube schon.
"Augen auf!"
Die Decke blendete etwas.
"Sie müssen nun ca.
vier Minuten lang ruhig und kräftig durchatmen. Augen zu! Los gehts."
Er begann zu atmen, kräftig
und ruhig. Nach einer Weile kribbelten seine Fingerspitzen. Zu viel Sauerstoff. Irgendwie
fühlte sich das alles nicht gut an. André wurde nervös. Der Druck
des Gummibandes verursachte eine unbestimmte Angst. Er schwitzte auf dem Rücken.
Sein Herz klopfte wie irre. Was ist denn los? - Oh Gott! Vier Minuten, das hält
doch niemand durch. Reiß dich zusammen! Reiß dich zusammen und atme ruhig!
Er fühlte eine aufkommende Panik. Dieser elende Druck ließ nicht nach. Ich
renn raus. Ich renn raus. Die Alte kritzelte gelassen weiter. Seine Hände und
Arme begannen zu vibrieren. Verflucht! Ruhig bleiben! Konzentrieren! Konzentrieren!
Jetzt vibrierte auch sein Kopf. Diese Dunkelheit muss weg. Sag was, du blöde Kuh!
"Augen auf, normal atmen!"
Na endlich. Er atmete kaum. Seine
Lungen waren noch gefüllt. Der Körper entspannte sich langsam. Sie schaltete
den Apparat aus und begann, ihn von dem Kabelgewirr zu befreien. Das Gummiband löste
sich von seinem Schädel, und der schien sich, vom Druck befreit, genussvoll auszudehnen.
Nach etwa zehn Minuten teilten sie ihm das Untersuchungsergebnis mit.
"Wir konnten nichts feststellen.
Es ist alles in Ordnung."
"Na, das hat's ja gebracht!"
Einen Kommentar wartete er nicht
ab. Dafür wartete er bis zum Abend auf irgendein bedeutendes Geschehnis, das sein
Leben veränderte. Der Abend jedoch verriet ihm die Sinnlosigkeit seiner Passivität
und ließ ihn spüren, wie hilflos er tagein, tagaus den nächtlichen
Schlaf herbeisehnte, der ihn jedesmal vor ihm selbst rettete. Er vegetierte dahin,
ohne sie zu nutzen, die kostbare Zeit, von der jeder wahrscheinlich nur einen gewissen
Vorrat besaß. Seit seinem Krampfanfall glitt ihm das Leben irgendwie aus den
Händen. Der Energiefluss war gestört, seine Konzentrationsfähigkeit
geschädigt und seine Handlungen waren wankelmütig. Seitdem sie ihn verlassen
hatte, musste er sogar den kleinen, noch verbliebenen Rest an Zuversicht, Mut, Idealen
und Glauben in Frage stellen. Wenn das meiste an ihm kaputt war, die großen Gedanken,
die funkelnden Augen, der aktive Körper, welchen Sinn machte dann dieser jämmerliche
Haufen verbliebener Abfall? Das Gespenst seiner Wertlosigkeit nahm bedrohliche Maße
an. Wie konnte eine Sammlung Schrott aus sich selbst etwas so Gutes basteln, dass sie
für die Welt plötzlich wertvoll wurde? Das war die entscheidende Frage.
Als er eines Morgens in sein
Zimmer kam, sah er, dass eine Maus aus seiner Gitarre kletterte, die Saiten runterrutschte
und dann stehenblieb. Sie starrten sich an. Er machte einen Schritt, sie flitzte los
unter sein Bett, bestehend aus drei auf der Erde liegenden Matratzen. Im Jahre 1976
waren drei auf der Erde liegende Matratzen für viele Menschen selbstverständlich
eine Weltanschauung, sogar eine praktische, denn er konnte das Fußende jetzt
mal eben separat wenden.
"Ich glaub, ich spinne.
Total zerfressen."
Er sah in ein faustgroßes
Loch und traute seinen Augen nicht. Ein Mäusenest mit eins, zwei, drei, vier,
fünf Jungen, ganz klein und fast nackt. Aber wo versteckte sich die Alte? Er hob
die nächste Matratze hoch.
"Oh, noch n Nest!"
Vier Junge, schon halb erwachsen,
flitzten auseinander in alle Richtungen. Er staunte erst einmal regungslos, während
eines in sein Hosenbein krabbelte. Jetzt wurde er munter.
"He, raus da! Bist du bescheuert!?"
Er schüttelte wild sein
Bein, bis das Mäuschen hinunterfiel und flink in die Küche raste. Ihm fehlten
die Worte. Nun hob er vorsichtig den dritten Teil seiner Schlafstätte in die Höhe.
Nichts konnte ihn jetzt noch schockieren. Da lag die alte Maus auf ihren Eiern und
grinste ihn an.
"Brüte ruhig weiter.
Ich zieh sowieso aus."
Er wachte auf, wusch sich und
frühstückte. Als er in sein Zimmer kam, sah er, dass eine Maus aus seiner
Gitarre kletterte, die Saiten runterrutschte ...
André gönnte seiner
Phantasie eine lange Leine. Er dachte sich reihenweise solche Geschichten aus, denn
sie führten ihn sicherer durch die Tage. Jede neue Geschichte war ein Garant dafür,
dass sich das Gestern nicht wiederholte. Aber er fragte sich auch, warum alles nur
im Kopf geschah, warum er es in letzter Zeit nicht schaffte, wenigstens diese Gedanken
aufzuschreiben, damit sie nicht verlorengingen. Es war wie verhext. Hatte er die Zeit,
fehlte ihm die Lust, hatte er die Lust, fehlte ihm die Zeit.
"Total doof!" resümierte
er. "Dabei wäre ich gerne ein Stückchen vorangekommen. Fragt sich nur,
wohin?"
Das Schreiben half ihm weit mehr,
als ihm bewusst war. Es wurde sogar oftmals zum einzigen Rückhalt auf der Suche
nach dem Ich. André besaß eine natürliche Beziehung zum geschriebenen
Wort. Eine Welt ohne Buchstaben war für ihn nicht vorstellbar. Nur Teil dieser
Welt zu sein, war ihm zu wenig. Er wollte an ihrer Entwicklung mitwirken, seine paar
Buchstaben zur großen Erdgeschichte beitragen. Sie waren auch das einzige, was
er zu bieten hatte. Das führte immer wieder zu aussichtslosen, nicht enden wollenden
Diskussionen mit Besserwissern und Gute-Ratschläge-Verteilern, aber auch mit seiner
Mutter. Er wusste, was er wollte, er wusste nur nicht, wie er es erreichen konnte.
Eines jedoch wusste er mit Bestimmtheit, was er nicht wollte. Er wollte nämlich
fast alles nicht.
"Oh Gott!" sagte seine
Mutter. "Oskar Brusewitz hat sich verbrannt."
"An der heißen Herdplatte
oder wie? Ich weiß nicht mal, wer das ist."
"Ein Pfarrer in der DDR.
Schrecklich! Verbrennt sich aus Protest in der Öffentlichkeit."
"Find ich aber etwas übertrieben.
Tut schließlich weh, so'ne Lebendverbrennung."
"Ich kann deinen Humor überhaupt
nicht teilen, André. Geh mal rüber und guck dir an, wie das Leben dort
aussieht."
"Was soll ich denn drüben.
Ich kenn da keinen."
"Einfach nur gucken."
"Die würden viel lieber
hier gucken. Wenn die raus könnten, wär auch der Protest weniger extrem."
"Eben, die können aber
nicht raus. Mich macht das betroffen und so ein grausamer Freitod auch."
"Das war eine aus tragischen
Verwicklungen entstandene Verzweiflungstat eines Einzelnen. Könnte mir auch passieren."
"Du hast doch gar keinen
Grund. Du lebst in einem freien Land."
Kohl sagt, das wird erst frei,
wenn er Kanzler ist. Dregger sagt, er will ein freiheitliches Schulwesen, idiologiefrei
und parteifrei. Carstens sagt, er will nicht, dass Schulen zu einem marxistischen Propaganda-Instrument
missbraucht werden. Ja, sind solche Gedanken etwa idiologiefrei und parteifrei? Die
müssten uns ja von sich selbst befreien. Oder um welche Freiheit geht es hier?"
"Du bist einfach immer nur
dagegen, Hauptsache Protest!"
"Das hab ich mit diesem
Brusewitz gemeinsam. Es gibt überhaupt eine Menge Ähnlichkeiten der Geschehnisse
auf den großen und den kleinen Bühnen. Als vor zwei Tagen diese tollkühnen
israelischen Spezialeinheiten auf einem Flughafen in Uganda 100 Geiseln befreiten,
veranstalteten vier besoffene Typen im Gronauer Stadtpark eine Schlägerei. Den
Verlierer ließen sie schwer verletzt liegen."
"Wo siehst du denn da Ähnlichkeiten?
Das lässt sich doch überhaupt nicht vergleichen."
"Ich hab auch keine Ähnlichkeit
mit Helmut Kohl, und trotzdem kann ich uns vergleichen."
"Da kommt doch nichts bei
raus."
"Stimmt! Für Helmut
Kohl nicht."
"Mit dir kann man gar nicht
ernsthaft reden. Gehst du mit deinen Freunden eigentlich auch so um?"
"Nur mit meinen besten.
Deine Sorgen sind also unbegründet. Du stehst in meiner Beliebtheitsskala ziemlich
weit oben, obwohl du mit mir nie auf der Spielwiese der Sprache spielst. Du bist einfach
zu besonnen."
"Das macht mein sonniges
Gemüt."
"Ui, war das nicht ein Wortklauber?"
"Ein Zufallstreffer! Ich
beherrsche dieses Spiel nicht."
"Pass auf, mein Mütterchen,
ich erteile dir Unterricht. - Nehmen wir an, du erzählst mir, dass jemand drei
Einbrecher mit einem Gewehr in Schach gehalten hat, bis die Polizei eintraf. Ich frage
dich darauf: Und, bekam er 'ne Belohnung? - Wie lautet deine Antwort?"
Sie zuckte die Schultern.
"Du sagst: Nee, dafür
aber 'ne Anzeige wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Schrecklich, bemerke ich. Weiter
im Unterricht. Du erzählst mir, dass ein Mann seinen Sohn erschießen wollte
und daraufhin angezeigt wurde. Ich frage: Wegen versuchten Mordes? - Wie lautet deine
Antwort?"
Sie zuckte die Schultern.
"Du sagst: Nee, wegen unerlaubten
Waffenbesitzes. Schrecklich, bemerke ich. Hoffentlich passiert mir das nicht mal."
"Du besitzt doch gar keine
Waffe."
"Viel schlimmer. Ich besitz
nicht mal 'ne Existenzberechtigung. Ha, sehr gut! Mütterchen, jetzt musst du aber
mal in Schwung kommen."
"Ich weiß nicht."
"Letzter Versuch. Also,
ich sage: Die amerikanische Raumsonde Viking ist auf dem Mars gelandet."
Sie überlegte - lange, und
sprach dann: "Da wohnt doch niemand. Wen will die denn missionieren?"
"Na, die drei Sonden aus
der Sowjetunion, die seit Monaten auf dem Mars ungehemmt den Kommunismus verbreiten.
- Es läuft doch. Dein altes Gehirn ist zwar nicht mehr schnell, aber dafür
immer noch ergiebig."
"Das macht mir keinen Spaß."
"Beim Denken muss man seinen
Geist nun mal anstrengen. Ihr seid vielleicht 'ne faule Generation."
"Du bist schwer unverschämt,
André! Außerdem glaube ich nicht, dass du auf jeden Kommentar einen absurden
Kommentar zustandebringst."
"Doch."
"Das wollen wir mal sehen!"
Sie schnappte sich die Tageszeitung.
"So, hier steht: Die Bundeswehr
verlor ihren 185. Starfighter. Er bohrte sich senkrecht in die Erde und war nicht mehr
zu sehen. Was sagst du dazu?"
"Die erfinden immer wieder
extreme Tarnmethoden. Ich versteh nur nicht, warum die ihr Versteck dann samt Foto
in der Presse veröffentlichen."
"Vielleicht weiß Strauß
das. Der hat diese sich selbst vernichtenden Flieger schließlich eingeführt."
"Nach 185 Abstürzen
weiß der auch nicht mehr, weshalb er die mal haben wollte. Der weiß sowieso
nix. Der gab nämlich zu bedenken, dass er weder ein heimlicher Kanzler noch ein
hintergründiger Außenminister und auch kein Superminister sein will. Was
bleibt denn dann noch?"
"Das Finanzministerium."
"Stimmt! Aber als Finanzminister
will er sich in besonderem Maße den Fragen der Außenpolitik zuwenden."
"Er will also im Hintergrund
Außenminister spielen."
"Aber ein hintergründiger
Außenminister will er nicht sein."
"Der weiß nicht nur
nix. Der ist auch nix."
"Der ißt zuviel. Sein
enormer Energiebedarf führt garantiert zu Steuererhöhungen."
"Vielleicht sind unsere
Bedenken auch völlig überflüssig und Kohl gewinnt gar nicht. Schmidt
bleibt Kanzler, weil der schlau genug ist, ein Rededuell abzulehnen."
"Schade, dass der ablehnt.
Wenn die zwei sich gemeinsam blamieren, bleiben sie wohlmöglich auch zusammen
auf der Strecke."
"Du hast recht, André.
Dir fällt immer ein Kommentar ein. Aber mir macht das keinen Spaß. Ich werd
wieder normal."
"Du verzichtest freiwillig
auf die Freiheit? Wir wären gemeinsam in den Abgrund der Sprache gestürzt.
Ein Freitod im Quasselflug. In der DDR würden wir dafür erschossen, hier
landeten wir in der Psychatrie. Die Entsorgung des intellektuellen Geistes vollzieht
sich bei uns wesentlich hinterhältiger. Wir nennen das übrigens Demokratie."
"Willst du die Dinge nicht
mal etwas freundlicher betrachten!? Schließlich machen wir alle Fehler. Auch
du kannst nicht ewig so weiterleben. Warum studierst du nicht? Warum beginnst du keine
Ausbildung? Diese Jobs als Waldarbeiter, die du hin und wieder annimmst, sind auf Dauer
keine Lösung."
"Im Wald ist es wunderschön."
"Aber das reicht nicht zum
Leben. Du brauchst einen Beruf."
"Ich werd mal ein berühmter
Schriftsteller."
"Das sind Hirngespinste."
"Wieso!? Ich schreibe Tagebuch,
an manchen Tagen. So haben schon ganz andere angefangen. Außerdem besitze ich
schon einen kleinen Haufen eigener Lieder."
"Du kannst ja gar nicht
singen. Und dein Gitarrenspiel klingt so, als würde ein Porzellanschrank umkippen."
"Das ist eben mein Stil.
Bob Dylan hört sich schließlich auch an, als läge er unter dem umgekippten
Porzellanschrank. Und was ist mit meinen Gedichten und Kurzgeschichten!?"
"Die will doch keiner lesen."
"Ich nötigte bereits
manch einen Verleger, sie zu lesen."
"Und, hat sie jemand verlegt?"
"Mein Talent blieb bisher
unerkannt. Man muss solchen Leuten mehrmals eine Chance geben."
"André, es ist verdammt
schwer, von Gedichten zu leben. Meistens ist das brotlose Kunst."
"Als nächstes schreib
ich einen Roman."
"Worüber?"
"Weiß ich noch nicht.
Da fällt mir schon was ein."
"Du bist ein Traumtänzer.
Das geht alles nur eine bestimmte Zeit gut, dann holt dich die Wirklichkeit ein."
"Na und! Wenn sie mich überholt,
dreh ich mich einfach um, dann ist sie wieder hinter mir. Ich hasse hohe Geschwindigkeiten.
Und ohne Traumtänzer gäb es weder tanzende Träumer noch träumende
Tänzer. Ich würde sie vermissen."
"Als einziger."
"Vielleicht. Vielleicht
sogar wahrscheinlich. - Was soll ich denn machen!? Ich hab mir meine Einsamkeit nicht
ausgesucht. Was kann ich dafür, dass ich so bin wie ich bin!?"
"Ich weiß es nicht,
André. Ich will dir ja auch keine Vorwürfe machen. Ich meine bloß,
du solltest ruhig mal ab und zu versuchen, über deinen Schatten zu springen."
"Das geht nur bei bestimmten
Lichtverhältnissen. Und die gibt's hier nicht."
"Um Ausreden bist du nie
verlegen."
"Eines meiner Talente, die
keiner anerkennt."
"Ach Junge, so hab ich kaum
eine Chance gegen dich."
"Wozu auch? Im Ernstfall
bist du sowieso für mich und nicht gegen mich. Das muss sich mein liebes Mütterchen
einfach mal eingestehen, bevor sie noch zur Traumtänzerin wird. - Ich geh jetzt
ein bisschen auf den Dachboden und schnüffel in alten Sachen."
"Warum wühlst du immer
in den alten Sachen. Früher ist längst vorbei."
"Wenn früher längst
vorbei ist, warum schmeißt du die Klamotten dann nicht weg? - Aber nee, das kann
sie nicht. Ist wohl nicht so leicht, die Vergangenheit loszuwerden, was?"
"Hau schon endlich ab. Diese
Diskussionen bringen mich noch um den Verstand."
Er hüpfte die Treppe hinauf,
diesen aufsteigenden schmalen Flur mit einer 180°-Wende-Etage, der eingekeilt zwischen
grauen, schmuddeligen Mauern lag und vom diffusen Licht einer 25-Watt-Birne durchflutet
wurde. Für einen Gruselfilm bot sich hier der perfekte Drehort. André durfte
an so etwas gar nicht denken, weil dann seine Phantasie mit ihm durchging. Also reglementierte
er seine Gedanken, um die Phantasie kontrollieren zu können. Dadurch blieb die
Angst so klein, dass er sich mutig genug fühlte, allein auf den Dachboden zu gehen.
Der war groß und schummerig, und dort lebten Ratten, vor denen er gehörigen
Respekt besaß. Seinen Respekt wiederum besiegte die Neugier, in diesem Durcheinander
von alten Kisten, Koffern und Schränken etwas Interessantes zu entdecken. So fand
er das Porträt einer jungen Frau, das von seinem Vater signiert war. Von den Zeichnungen,
die dieser in seinem kurzen Leben anfertigte, hatten nur wenige die Jahre überdauert.
Über sie versuchte André, sich ein Bild zu machen von diesem unbekannten
Menschen. Er stöberte in Schubladen, las in längst verjährten Briefen,
begutachtete die Schulzeugnisse seiner Mutter, rettete einen alten Wecker vor dem Rosttod,
entstaubte einige Karl May-Bände und fischte aus einem Karton ein großes
ledergebundenes Buch mit leeren Seiten. Nanu, ein Buch ohne Text und trotzdem so schwer!?
Er trug es hinunter in die Küche.
"Das is' ja 'n irres Ding.
Woher kommt das?"
"Was?" fragte seine
Mutter.
"Das Buch."
"Zeig mal. - Ach je, das
ist aber lange her. Kannst du dich noch an deinen Urgroßvater erinnern?"
"Na klar, der Maler in Blomberg.
Wir waren doch mal da."
"Stimmt! Weil du das unbedingt
wolltest. Opa Richard war 'n komischer Kauz und ehrlich gesagt, war ich damals heilfroh,
als wir nach drei Tagen endlich wieder nach Hause konnten. Da drückte der mir
zum Abschied den Ledereinband in die Hand und sagte: Wenn André groß ist,
dann gib ihm dieses Buch. Also nahm ich es mit."
"Und gabst es mir nie."
"Ich hab's vergessen. Das
ist auch bestimmt schon zwölf Jahre her. Außerdem, was willst du denn damit?
Es steht sowieso nichts drin."
"Vielleicht hat er ja doch
irgendwo 'n kleines Bildchen reingemalt. Ich muss das mal in Ruhe durchblättern."
"Du verplemperst nur deine
Zeit. Da ähnelst du deinem Urgroßvater."
André hörte schon
nicht mehr zu. Er blätterte Seite für Seite um und erinnerte sich.
Fast regelmäßig besuchten
sie damals seine Großeltern, die sieben Kilometer entfernt im alten Gildehauser
Bahnhof wohnten und einen riesigen Garten an der gegenüberliegenden Seite der
Schienen besaßen. Dann gehörte der ganze Bahnhof ihm, die große Halle
mit dem ehemaligen Fahrkartenschalter, die vielen Zimmer in zwei Etagen, der dunkle,
furchterregende Keller, der bei Regenwetter immer unter Wasser stand, der heiße
Dachboden im Sommer, die Waschküche mit dem Feuerkesssel draußen im Hof,
der geheimnisvolle Viehstall neben dem Schlangenwald, in dem jetzt Briketts und Kohlen
lagerten, und die geschlossene Lagerhalle mit der langen Verladerampe, an deren Ende
ein mächtiger Busch schwarzer Johannisbeeren wuchs. Wenn sich ein Zug ankündigte,
dann rannte André durch die große Eingangshalle hinaus, den weiten Weg
an der Verladerampe entlang bis zu deren Ende. Hinter dem Johannisbeerstrauch führte
ein schmaler Pfad in Richtung Garten.
Von dort wurde der Blick frei
auf die Schienen, die sich schnurgerade bis zum Horizont streckten. Die dampfenden,
schwarzen Ungetüme zogen oft mehr als 50 Güterwaggons. Nach dem letzten Wagen
sprang er auf die Schienen und schaute der leiser werdenden, fauchenden Schlange nach,
bis sie in der Ferne verschwand. Hier stand er schon nah am Garten. Neben den Gleisen
wuchs ein buntes Lupinenmeer, durch das sich der schmale Weg, der am Johannisbeerbusch
begann, auf dieser Seite fortsetzte. Der Boden war lehmig und schwer, und wenn er Großvater
im Garten half, dann musste er die Steine einsammeln, die beim Umgraben freigewühlt
wurden. Dabei duftete der große Maggistrauch wie eine warme, gutgewürzte
Suppe.
Zwanzig Meter weiter, am Zaun
zur Pferdewiese, wucherten hohe Brombeerbüsche und rechts am Waldrand in der alten
Eiche gab es einen Hochsitz. Dort saß André oft, schaute zum Bahnhof hinüber
und hörte den Mauerseglern zu, die kreischend und in wilden Flügen durch
die Luft jagten. Und sobald Großmutter oben aus dem Fenster winkte, kletterte
er hastig vom Baum und raste zurück durch das Lupinenmeer, über die Schienen,
an den Johannisbeeren und der Verladerampe vorbei. Es war Mittagszeit, und es gab so
viel Reibepfannkuchen mit Apfelmus, dass der ganze Bahnhof danach roch.
Bei seinen Großeltern war
er gern. Dort im Wohnzimmer über der Couch hing ein prächtiges Ölgemälde,
das sein Urgroßvater geschaffen hatte. Dieses Stilleben zeigte eine schwere,
dunkelblaue Vase verziert mit Ornamenten, in der ein mächtiger, blühender
Rosenzweig den notwendigen Halt fand, um sich zur rechten Seite über das ganze
Bild zu beugen. Unter ihm lag eine Violine neben einem dicken Buch. Seine Mutter erzählte
ihm, dass der Tisch ihrer Großeltern damals wirklich so aussah und sie sich noch
gut an den riesigen Rosenzweig in der dunkelblauen Vase erinnern könnte. André
mochte dieses Bild so sehr, dass er seine Mutter regelmäßig bat, doch einmal
dort hinzufahren. Und wirklich, eines Tages machten sie die Reise zu Urgroßvater
nach Blomberg. Der besaß ein Malergeschäft. In dem großen Haus hatte
er sich hoch unterm Dach eine verborgene Werkstatt eingerichtet, um völlig ungestört
seiner Leidenschaft nachzugehen, der Kunstmalerei. Verkaufen wollte er seine Werke
nicht.
"Ich will in Ruhe malen.
Das ist alles", sagte er.
Deshalb nahm er auch nur selten
jemanden mit in sein Atelier, selbst seine Frau reglementierte er meistens schnell
wieder hinaus, wenn sie ihn dort oben aufsuchte. André jedoch durfte ihm bei
der Arbeit zusehen. Ihm erzählte er sogar Geschichten und ihm zeichnete er Märchenbilder.
Andrés Mutter verstand allerdings überhaupt nicht, warum ihr sechsjähriger
Sohn sich drei Tage lang freiwillig bei diesem knurrigen alten Mann aufhielt und ihr
dann auch noch versicherte, sich garantiert nicht zu langweilen.
Sie sorgte sich manchmal, weil
er seine Zeit so verschwiegen und ruhig verbrachte. Er konnte stundenlang auf einem
Fleck in der Sonne sitzen, um angeblich den Vögeln zuzuhören. Das war irgendwie
nicht normal. Aber krank wirkte er auch nicht, denn sie spürte dabei seine innere
Zufriedenheit. André wusste selbst nicht genau, was ihn an Urgroßvater
fesselte. Vielleicht war es die Atmosphäre der Arbeit mit Pinseln und Stiften,
die so viele Bilder aus dem Leben eines Menschen schufen. Oder es war die Atmosphäre
des Raumes, in dem die Gemälde hintereinandergeschichtet an den Wänden hingen,
von langen Metallstäben gehalten. Oder war es der alte Mann selbst, dem es gelang,
gemeinsam mit seinem Urenkel über eine Stunde still am Atelierfenster zu sitzen
und über den Hinterhof auf den Gemüsegarten zu schauen? Sie beobachteten
die Schwalben beim Nestbau und lauschten den Klageliedern der Mauersegler, hörten
früh morgens den Zilpzalp und am Abend die Nachtigall, entdeckten brütende
Blaumeisen in der alten Wasserpumpe und sahen den Flug der Kornweihe. Es gab nichts,
was sie sich dabei hätten erzählen müssen.
Jetzt war Urgroßvater schon
zehn Jahre tot, und ganz plötzlich tauchte dieses Buch auf. Ein Buch für
André. Warum? Beständen nicht die sonderbaren Erinnerungen an damals, an
den märchenerzählenden und an den schweigenden Greis, dessen Blicke manchmal
den Eindruck machten, als sähe er durch die Wirklichkeit hindurch in eine andere
Welt, André hätte längst aufgehört, Seite für Seite umzublättern.
Ein leeres Blatt folgte dem anderen. Kein Gemälde, keine Zeichnung, nicht mal
eine kleine Skizze offenbarte sich. Sollte er die zweite Hälfte vielleicht doch
einfach überfliegen? Nein, nur der Ungeduld keine Chance geben, sondern einfach
weiterblättern. Halt! - Was war das? Da standen vier Zeilen. Statt zu zeichnen
oder zu malen, hatte Urgroßvater also etwas hineingeschrieben. André las:
Der Tod ist ein Klecks,
aber das Leben ist der helle
Wahnsinn.
Woher ich das weiß?
Von der Lerche.
Ach, guck an! dachte er. Der
Tod ist ein Klecks. Was soll denn das heißen? Manch einer stirbt überhaupt
nicht gern. Sterben ist ja auch kein Tod. Es ist Teil des Lebens. Aber wieso soll das
der helle Wahnsinn sein? Oder was meint er? Vielleicht Trauerkummer und Krampfanfälle?
Nee. Dann schon eher gute Literatur und Fußball-Bundesliga. Mensch Richard, hätt'ste
dich nicht deutlicher ausdrücken können!? Der Kerl war damals schon sehr
verschwiegen. Bis auf seine Märchen hat er mir schließlich nix erzählt.
Und trotzdem, irgendwas hatte er an sich. Sein Schweigen war so spannend, so, als würde
er etwas verheimlichen. Vielleicht besaß er wirklich ein wahnsinniges Geheimnis
oder er war selbst wahnsinnig. - Blödsinn! Der war nicht verrückter als ich.
Der wusste einfach nur irgend etwas und behielt es für sich. Und dieses Etwas
wusste er von der Lerche. Komisch. Wieso von der Lerche? Wie konnte er denn was von
der Lerche wissen? Da muss sie ihm ja was erzählt ... oder anders, er muss sie
verstanden haben. So bekommt der Text natürlich eine Substanz. Dieses Federvieh
zwitschert mir schließlich seit 18 Jahren in die Gehörgänge, dass das
Leben der helle Wahnsinn ist. Trotzdem. Warum ausgerechnet der alte Richard? Aber wenn's
stimmt, dann konnte er vielleicht sogar mit anderen Tieren reden.
In Andrés Magengegend
kribbelte es. Er war auf eine außergewöhnlich bedeutende Vermutung gestoßen.
Seit seiner Kindheit spürte er, wie ihn seine Begabung immer weiter in die Isolation
trieb. Niemand hatte ihm je geglaubt, von den eigenen Zweifeln ganz zu schweigen. Wie
oft schon erklärte er sich selbst für verrückt, versuchte er, die Wahrheit
zu ignorieren, um sich unauffälig einzureihen und zwischen den anderen Menschen
einen bescheidenen Platz zu finden, einer von ihnen zu sein. Einmal hatte er sich als
Schüler die Ohren mit Wachskugeln verstopft, um endlich die Vögel nicht mehr
zu hören. Dieses Projekt brachte jedoch nur Ärger, weil er auch seine Mitschüler
und seine Lehrer nicht mehr hörte.
Hatte sein Urgroßvater
damals wirklich Andrés Fähigkeiten erkannt und deshalb diesen Vierzeiler
in das dicke Buch geschrieben? Oder war das alles nur ein merkwürdiger Zufall?
Warum sollte er die Worte erst lesen, wenn er groß ist? Abgesehen davon war die
Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass dieser winzige Text niemals entdeckt werden würde.
Die Indizien konnten die Zufallstheorie nicht eindeutig widerlegen. Andererseits war
es natürlich ein faszinierender Gedanke, dass sein eigener Urgroßvater Ähnliches
erlebt haben könnte, dass auch ihm diese Form der Einsamkeit vertraut gewesen
war, die ein Mensch unter Menschen zu empfinden vermag, wenn er die Wahrheit sagt und
niemand ihm glaubt. Zum ersten Mal überhaupt bestand hier die Möglichkeit,
dass sich jemand nicht nur wohlwollend und tolerant zeigte, sondern sogar bestätigend.
Wenn der alte Richard wirklich über gleiche Erfahrungen verfügte, was musste
er dann gefühlt haben, als er damals Andrés Begabung bemerkte? Auch wenn
es Zweifel gab, die nicht unberechtigte Vorstellung, es könnte so gewesen sein,
zeigte Wirkung. Ihm war fast schlecht vor Aufregung.
"Mütterchen!"
schrie er.
"Was ist los?" fragte
sie erschreckt.
"Welch ein Glück, dass
meine Neugier größer ist als mein Respekt vor Ratten."
"Wie bitte?"
"Ich glaub, ich bin nicht
mehr allein auf der Welt. Es gibt einen Verbündeten, einen toten zwar, aber egal.
Hauptsache, er hat mal gelebt. Außerdem ist eins jetzt völlig klar. Ich
werde Schriftsteller. Und ich weiß auch schon, worüber ich schreibe."
"Du spinnst", antwortete
sie.
"Macht nix. Ich bin eben
ein ganz normaler Mensch. Wenn ich es auch nicht bin. Ab morgen jedenfalls beginnt
eine neue Ära."
Und während er sich darauf
freute, erfror ihm das Lächeln auf den Lippen. Blitzschnell wandte er den Kopf
und riss die Arme schützend vor den Körper. Doch da war niemand. |